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Kapitel 2: Im Schoß der Dunkelheit

  Die Dunkelheit war kein Zustand mehr. Sie war ein Raum und er

  wusste nicht wann er aufgeh?rt hatte zu fallen. Nur, dass es keinen

  Aufprall gegeben hatte. Die Schw?rze um ihn war weder kalt noch

  warm, weder leer noch voll. Sie amtete nicht – und doch hatte sie

  Gewicht. Als würde das Universum den Atem anhalten und darauf

  warten, dass er etwas tat. Doch, er tat nichts. Sein K?rper lag

  ruhig. Zu ruhig. Kein Zittern, kein panisches Aufb?umen. Selbst sein

  Herz schlug gleichm??ig, fremd, als h?tte jemand den Rhythmus

  gew?hlt und nicht er selbst. Oder hatte er das jemals selbst getan?

  Wer war er eigentlich? Was war er? Fragen, die ohne Antworten in den

  Tiefen seines Geistes wie feiner Nebel zurück blieben. Er versuchte, sich zu erinnern – an Schmerz, an Ketten, an eine Nummer, die einmal seine war. Doch die Erinnerungen waren wie Schatten, die sich weigerten, Form anzunehmen. Sie glitten weg, sobald er sie greifen wollte. Stattdessen blieb nur das Hier und Jetzt. Das Nichts, das ihn umgab und gleichzeitig durchdrang.

  Dann kam das ziehen. Nicht stark nicht schmerzhaft. Nur eine leise

  Ver?nderung – als würde etwas in ihm neu sortiert werden. Er

  ?ffnete die Augen doch Sterne blickten zurück. Nicht der Himmel,

  nicht die Galaxie. Als k?nnte er sich selbst beobachten. In der Dunkelheit spiegelten sich Ereignishorizonte, winzige

  verschluckende Kreise aus Licht und Schatten, die dort waren, wo seine

  Augen h?tten sein sollen. Für einen Moment empfand er nichts au?er

  staunender Leere die ebenso staunend zu ihm zurück blickte. Dann kam

  ihm ein Gedanke.

  Das bin...ich?

  Der Gedanke war kein Blitz. Er war ein Riss. Ein feiner, scharfer Riss in dem, was von seinem Selbst übrig war. Er spürte, wie sich etwas in ihm regte – nicht physisch, nicht schmerzhaft, sondern existentiell. Als h?tte jemand eine Schicht abgezogen, unter der etwas anderes lag. Etwas, das nicht einmal menschlich war. Die Sterne in seinen Augen pulsierten einmal – synchron mit seinem Herzschlag. Er spürte sie: Gravitation, die sich in ihm sammelte, als würde das Universum selbst durch ihn hindurchatmen. Einsicht, die sich wie ein kaltes Messer in seinen Geist grub. Er wollte schreien. Er wollte lachen. Er wollte beides gleichzeitig. Stattdessen blieb er still. Die Sterne flackerten. Und er wusste: Nichts - das jedoch zu seinem Bedauern mit einer unbefriedigenden Sicherheit.

  Ein scharfes Einatmen durchschnitt die g?hnde Stille wie ein

  frisch gesch?rftes Messer. Die Dunkelheit reagierte nicht. Sie wich

  nicht zurück. Sie nahm es hin.

  ?Na wunderbar... wach und verwirrt, genau das, was ich in diesem

  Moment brauche," murmelte er zynisch. ?Das erkl?rt

  natürlich alles. Fantastisch."

  Er wollte sich aufrichten. Sein K?rper begann die Bewegung –

  und beendete sie nicht. Kein Ruck, kein Wiederstand. Die Bewegunge

  h?rte einfach auf, als h?tte jemand beschlossen, dass sie nicht

  notwendig sei. Er blinzelte. Die Sterne in seinen Augen flackerten.

  ?...aha." Er versuchte es erneut. Langsamer. Vorsichtiger.

  Wieder nichts. Dann spürte er sie.

  Nicht als Berührung. Nicht als Stimme. Als Gewissheit. Sie war

  da. Die Luft – falls es Luft war – ver?nderte sich. Nicht

  sichtbar, aber eindeutig. Wie der Moment, in dem man merkt, dass man

  nicht mehr allein ist, obwohl niemand im Raum steht.

  ?Nicht jetzt", sagte sie.

  Die Worte hallten nicht. Sie setzten sich. Tief, direkt hinter

  seinem Brustbein. Er schluckte. Sein Herz reagierte sofort – passte

  sich an, als h?tte es nur auf dieses Signal gewartet.

  ?Du hast eine seltsame Art, Hallo zu sagen", brachte er

  hervor. Sarkasmus war einfacher als Panik. Er klammerte sich daran

  wie an ein Gel?nder über dem Abgrund.

  Seine Stimme klang fremd - tiefer, ruhiger, als h?tte sie Zeit.

  Er hob eine Hand. Runen glimmten auf seiner Haut – nicht hell,

  nicht aggressiv, sondern geordnet. Linien, die sich nicht willkürlich

  bewegten, sondern wie Pfade wirkten. Alle führten nach innen. Zum

  Herzen. Instinktiv wollte er sie berühren, hielt jedoch inne. Ein

  Druck. Sanft. Unmissverst?ndlich. Nein. Ein leiser Druck zog durch seine Adern. Kein Zwang. Eine

  Erinnerung. Du kannst dich sp?ter bewegen.

  ?Ah",sagte er trocken. ?Natürlich. Sp?ter."

  Ein feines Vibrieren ging durch die Resonanz im Raum - wie

  kontrollierte Belustigung.

  ?Du erinnerst dich an nichts.“ Es war keine Frage.

  Er überlegte kurz und zuckte dann ahnungslos mit den Schultern. Da

  war nichts. Nichts au?er dem, was ihm seine Tr?ume gezeigt hatten –

  und selbst diese waren bereits verblasst, wie feiner Morgentau nach einem

  Sonnenaufgang.

  ?Ich erinnere mich daran, dass ich keine Erinnerung habe“,

  sagte er. ?Z?hlt das?“

  Ein Schritt - nicht h?rbar, nicht sichtbar aber n?her. Der Druck

  in ihm ver?nderte sich. Er wurde nicht st?rker sondern pr?ziser. Die Dunkelheit begann sich zu l?sen. Nicht zu verschwinden –

  sich zuordnen. Konturen entstanden, Linien aus schimmernden Runen,

  die sich über glatte W?nde zogen, als w?ren sie Teil eines

  Gedankens, nicht eines Raumes. Der Boden unter ihm war warm,

  pulsierend, im Takt eines Herzschlags, der nicht seiner war. Er lag auf einer Plattform aus schwarzem Stein, durchzogen von

  feinen Lichtadern. Jede einzelne reagierte auf ihn. Auf sein Atmen.

  Auf sein Z?gern.

  ?Wo bin ich?" fragte er schlie?lich.

  Die Antwort kam nicht sofort.

  Doch dann: ?In Sicherheit."

  Er lachte kurz auf. Es klang falsch. Zu brüchig.

  ?Das sagen immer die gef?hrlichsten Orte."

  Nun trat sie aus dem Halbschatten. Nicht pl?tzlich. Nicht dramatisch. Als w?re sie schon immer dort

  gewesen und habe nur entschieden, nun gesehen zu werden. Sie war hochgewachsen, in Gew?nder gehüllt, die mehr Energie als

  Stoff waren. Ihre Augen waren von einem tiefen, samtigen Azurblau,

  das nichts versprach – und alles wusste. Um sie herum flimmerte der

  Raum leicht, als würde er sich ihrem Dasein anpassen.

  Er sah sie an. Lange.

  ?Du bist...", begann er.

  ?Deine Sch?pferin", sagte sie ruhig. ?Dein Anker."

  Ein kurzer Moment. ?Und ja. Deine Mutter."

  Das Wort traf ihn unerwartet. Nicht schmerzhaft. Verwirrend.

  ?Oh",sagte er schlie?lich. ?Dann... herzlichen

  Glückwunsch?"

  Ein Zucken ging durch ihre Miene. Es war kein L?cheln oder Missbilligung - sondern etwas Drittes.

  Sie trat n?her. Mit jedem Schritt wurde der Raum schwerer

  ?Du bist noch zu jung, um deine eigenen Schlüsse zu ziehen“,

  sagte sie ruhig. ?Und zu wertvoll, um sie dir selbst zu

  erlauben.“

  Wertvoll. Das Wort hing in der Luft wie ein Urteil. Er wollte lachen – wieder dieses bittere, trockene Lachen –, doch es blieb ihm im Hals stecken. Wertvoll. Nicht als Person. Nicht als Seele. Als Tr?ger. Als Anomalie. Als etwas, das die Ordnung gef?hrden konnte – oder retten. Er spürte es in den Runen: Struktur, die sich in ihn grub. Bindung, die sich festsetzte. Gravitation, die sich sammelte, als würde sie auf den Moment warten, in dem sie losgelassen werden konnte. Einsicht, die wie ein kaltes Messer in seinen Geist stach. Er wollte sie hassen. Er wollte sie fürchten. Doch da war etwas anderes. Etwas, das er nicht erkl?ren konnte. Etwas, das sich wie Neugier anfühlte. Oder wie Schicksal. Oder wie beides.

  ?Wertvoll“, wiederholte er leise. ?Für wen?“

  Sie l?chelte – nicht warm, nicht kalt. Berechnend. ?Für das Universum“, sagte sie. ?Und für mich.“

  Er verzog den Mund.

  ?Klingt… fürsorglich.“

  Diesmal lachte sie leise. Weder warm noch kalt. Es war ein ehrliches Lachen.

  ?Das ist es auch.“

  Er wollte widersprechen. Wollte etwas sagen, das scharf klang,

  unabh?ngig, trotzig. Doch die Runen reagierten schneller als sein

  Wille. Ein sanftes Ziehen. Nicht gegen ihn – durch ihn. Er spürte,

  wie sich seine Gedanken ordneten. Wie Widerstand nicht verschwand,

  sondern ruhiger wurde.

  ?Hey“, sagte er leise. ?Das war nicht

  abgesprochen.“

  Sie kniete sich vor ihn und berührte ihn sanft. Zum ersten Mal war sie auf seiner H?he.

  ?Es wird vieles geben, das nicht abgesprochen ist“, sagte

  sie. ?Solange du lebst.“

  Er sah sie an. Und verstand etwas, das er nicht h?tte beschreiben k?nnen: Dass er ihr nicht unterlag, weil sie st?rker war - sondern

  weil sie ihn kannte, bevor er sich selbst kannte. Die Sterne in seinen Augen flackerten

  unruhig.

  ?Und wenn ich das nicht will?", fragte er trocken.

  Einen Herzschlag lang geschah nichts. Dann spürte er es. Nicht

  als Strafe oder als Warnung. Als eine M?glichkeit. Ein winziger

  Bruchteil seiner Kraft regte sich – und der Raum um ihn herum

  knisterte, die Runen begannen heller zu glühen, die Gravitation zog

  sich zusammen wie ein nerv?ser Muskel. Fast h?tte er vor

  Anstrengung, dieser Kraft zu widerstehen das Bewusstsein verloren.

  Ehrfurcht und Angsterfüllten seine Sinne. Was war mit ihm geschehen?

  Was war er? Diese Frage wiederholte sich wie eine Endlosschleife, doch die erhoffte Antwort kam nicht.

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  Sie hob nicht einmal die Hand. Der Impuls verebbte so sanft wie er

  begonnen hatte.

  ?Dann",sagte sie leise, ?würde ich dich trotzdem halten

  und niemals loslassen"

  Die Worte waren keine Drohung. Sie waren ein Versprechen. Ein Gesetz. Er spürte es in der Resonanz – in dem roten Band, das sich enger zog, in den Runen, die aufleuchteten, in dem Puls, der sich mit seinem eigenen synchronisierte. Er wollte sich wehren. Wirklich. Doch der Widerstand war wie ein Tropfen Wasser in einem Ozean. Er l?ste sich auf, bevor er Form annehmen konnte. Stattdessen kam etwas anderes. Etwas Warmes. Etwas, das sich anfühlte wie Akzeptanz. Oder wie Kapitulation vor dem Unausweichlichen.

  Er schloss die Augen - nicht, weil er musste, sondern weil

  es sich richtig anfühlte. Die Dunkelheit hinter seinen Lidern war

  nicht leer. Sie war strukturiert. Er spürte Linien. Bewegungen.

  Schichten. Nicht als Bilder – sondern als Ordnung. Als h?tte

  jemand beschlossen, dass Chaos heute nicht erlaubt war. Ihre Finger ruhten offen auf seiner Brust. Nicht fordernd. Nicht

  drückend. Ein Angebot – oder eine Erinnerung. Die Runen reagierten

  sofort. Nicht hell. Nicht aggressiv. Sie glühten wie Glut unter

  Asche. Er sog scharf die Luft ein.

  ?Okay“, sagte er leise. ?Das… das fühlt sich neu an.“

  ?Das ist Blutresonanz“, erkl?rte sie sachlich. ?Nicht Magie oder Kontrolle im herk?mmlichen Sinn.“

  Nach einem kurzen Z?gern sagte sie: ?Es ist Verbindung.“

  Er lachte leise. Kurz und ungl?ubig.

  ?Du nennst das Verbindung? Das ist ziemlich invasiv.“

  Keine Rechtfertigung. Keine Entschuldigung.

  ?Du h?ttest mir das sagen k?nnen.“

  ?Du h?ttest es nicht verstanden.“

  Er schwieg. Nicht, weil ihm nichts einfiel – sondern weil etwas

  in ihm wusste, dass sie recht hatte.

  ?H?r zu“, sagte er schlie?lich. ?Ich wei? nicht, was

  ich bin. Oder was du aus mir gemacht hast.“

  Nach einer Pause fügte er entschlossen hinzu: ?Aber ich bin

  kein Spielzeug.“

  Die Runen pulsierten einmal langsam und bed?chtig.

  ?Nein“, sagte sie leise. ?Du bist mein Kind.“

  Das traf ihn h?rter als jede Drohung. Er ?ffnete die Augen. Ihre

  blickten ihn ruhig an, mit einer unergündlichen Tiefe. Und doch nicht leer.

  ?Und Kinder“, fuhr sie fort, ?lernen nicht durch

  Freiheit.“

  Ihre Stimme wurde fester.

  ?Sondern durch Führung.“

  Er wollte erneut entschieden widersprechen. Doch da war dieses einfühlsame, unausweichliche Lenken, das nicht gegen seinen

  Willen arbeitete – sondern um ihn herum.

  ?Wei?t du“, murmelte er, ?ich habe das Gefühl, ich

  sollte panischer sein.“

  Ein Hauch von Resonanz bewegte sich durch den Raum. Es war kein Tadel.

  Eher Neugier.

  ?Und warum bist du es nicht?“, fragt sie ruhig.

  Er überlegte. Ehrlich diesmal.

  ?Weil du da bist“, sagte er schlie?lich. ?Und weil sich

  das hier nicht wie eine Falle anfühlt. Mehr wie…“

  Er verzog das Gesicht.

  ?Ein sehr gut eingerichtetes Gef?ngnis.“

  Stille.

  Dann ein leises, echtes Lachen.

  ?Du bist scharfsinnig“, sagte sie. ?Das ist gut.“

  ?Du wirst Zeit haben, mich zu hassen“, sagte sie. ?Du

  wirst Zeit haben, mich zu hinterfragen.“

  Ein kaum wahrnehmbares Senken der Stimme.

  ?Aber nicht heute.“

  Sein Atem wurde schwerer. Nicht aus Angst. Aus überforderung.

  ?Du bist zu jung“, sagte sie nun offen. ?Zu offen. Zu

  empf?nglich.“

  Ihre Hand zog sich zurück – und lie? eine Leere zurück, die

  er sofort spürte.

  ?Wenn ich dich jetzt loslasse, zerrei?t du dich selbst.“

  Er schluckten und warf ihr einen fragenden Blick zu. Doch sie richtete sich auf als w?re nichts geschehen. Wieder ganz die Alte. Die Sch?pferin und unausweichliche Konstante. Die Verbindung zog sich enger, sanfter und tiefer. Sein Bewusstsein

  begann zu sinken – nicht abrupt, sondern wie in warmes Wasser. Ein letztes mal versuchte er sich mit aller Kraft aufzurichten,

  doch sein K?rper wollte ihm diesen Gefallen nicht gestatten. Oder

  war es sein Geist?

  ?Es bringt nichts dagegen anzuk?mpfen kleiner Stern. Du wirst los lassen ob

  du willst oder nicht" Sie l?chelte gütig. Und doch lag darin auch be?ngstigende Endgültigkeit.

  Die Aura der er spürte antwortete sofort. Warm und best?ndig.

  Er wusste nicht, ob das Vertrauen war. Aber es war ein Anfang und besser als nichts. Für den Moment hatte er er keine Wahl au?er sich seinem Schicksal zu fügen. Zumindest vorerst.

  Stille senkte sich über den Raum. Er schloss langsam die Augen.

  Die Sterne in ihnen verblassten zu einem sanften Glimmen. Und so gab er dem drang nach sich an etwas zu klammern was nicht

  mehr gab. Kein Widerstand mehr, kein Trotz – er ?ffnete ihr Geist

  und Seele und lie? sie in sich flie?en, diese unermessliche Aura,

  die ihn gleichzeitig formte und umfing. Die Blutresonanz pulsierte

  durch jede Ader, jede Faser seines Wesens, und die Runen auf seiner

  Haut flammten auf wie kleine Sterne, die auf die Führung seiner

  Sch?pferin reagierten.

  Es war ein Rausch aus Macht, Emotion und kosmischer Energie.

  Gefühle, die er nie gekannt hatte – unendliche W?rme, Schutz,

  Bestimmung –durchstr?mten ihn, verwoben sich mit der Kraft, die

  seine Augen bereits in sich trugen. Sie brannten von innen, als würde etwas hinter seinen Lidern explodieren – ein fernes, stummes Sterben, das er in den Knochen spürte, ein Druck, der ihn gr??er und gleichzeitig winziger machte. Die Sterne in seinen Pupillen drehten sich, verschluckten sich selbst, und für einen Moment verlor er den Unterschied zwischen sich und dem Kosmos – er war das Vakuum, er war das Licht, er war nichts und alles zugleich

  Er spürte die unausweichliche Aura der Frau deren Name er nicht kannte, das Gewicht ihrer

  Verantwortung, aber auch die unerschütterliche Verbindung, die hinter

  jedem lenkenden Impuls lag.

  Und dann kam die Ohnmacht. Ein tiefer Fall in Dunkelheit, als die Intensit?t ihrer Macht und der kosmische

  Strom aus Gravitation, sein junges und widerst?ndiges Bewusstsein überrollten. Er sank in eine Stille, in

  der Zeit und Raum bedeutungslos waren – und doch, auf einer anderen

  Ebene, spürte er, dass er gehalten und

  geschützt wurde.

  Aelthyria wartete, bis sein Atem gleichm??ig wurde. Nicht, weil

  sie Zweifel hatte. Zweifel waren ein Luxus für jene, die nichts zu beschützen hatten. Die Runen auf seiner Haut glommen noch schwach,

  ein geordnetes Muster aus Macht, das sich langsam in den Rhythmus

  seines Herzens fügte. Nicht umgekehrt denn das war wichtig.

  Zu früh, dachte sie. Und doch unvermeidlich. Sie betrachtete die

  Runen lange. L?nger als n?tig. Nicht aus Zweifel. Aus Berechnung.

  Die Muster waren nicht zuf?llig. Nie gewesen. Sie verliefen in

  konzentrischen Bahnen, verschlungen, geordnet – wie Sternenpfade,

  die sich immer wieder um einen einzigen Punkt wanden: sein Herz.

  Einige der Zeichen reagierten noch tr?ge, als würden sie prüfen,

  ob das Kind es wert war, vollst?ndig zu erwachen. Andere glühten

  bereits tiefer. Dunkler. Ein kosmisches Rot.

  Nicht Zorn sondern

  Masse und Schwere. Etwas, das blieb, wenn alles andere zerfiel. Sie

  hatte diese Runen nicht erschaffen. Sie hatte sie freigelegt.

  ?Du tr?gst mehr in dir, als du gerade begreifst“, murmelte

  sie leise.

  Nicht als Trost. Als Tatsache. Ihre Aura verdichtete sich einen

  Augenblick. Die Runen antworteten. Ein feines Pulsieren lief über

  seine Haut, synchron mit ihrem eigenen Kern – Blut, ?ther, Wille.

  Die Resonanz war stabil. Noch.

  Mein Stern dachte sie, und zum ersten Mal war es kein

  Titel, sondern Besitz.

  Du wirst lernen, Einfluss zu nehmen,

  ohne zu herrschen.

  Du wirst fallen, ohne zu

  zerbrechen.

  Und wenn die anderen Hexen eines Tages deinen

  Namen flüstern...

  In diesem Gedanken lag keine Z?rtlichkeit, sondern Endgültigkeit.

  Wer ihn berührte, würde vergehen. Wer ihn formen wollte, ohne zu

  verstehen, würde zerbrechen.

  Und wer glaubte, ihn ihr nehmen zu

  k?nnen…Sie lie? den Gedanken unvollendet.

  Die Plattform der Nyx Oblivion, auf der Aelthyria stand, war nicht

  einfach ein physischer Raum – sie war das Zentrum des ?thers, der

  Punkt, an dem die Seelenenergie aller Lebewesen und die pulsierende

  Kraft des Sterns Elendiel zusammenflossen. Ihre Fü?e berührten den

  Boden, aber sie war sich bewusst, dass dieser Boden kein gew?hnlicher

  war. Jede Rune, die den Boden durchzog, war ein Spiegel ihrer eigenen

  – als h?tten ihre eigenen Geheimnisse sich in das Material des Altars eingepr?gt. Mit jedem Schritt, den sie tat,

  ?nderten sich die Runen unter ihr. Sie waren nicht statisch. Sie

  atmeten mit ihr, wanden sich um ihre Fü?e, als ob die Plattform

  selbst eine Erweiterung ihres Willens war.

  Der ?ther vibrierte mit einer Energie, die st?rker war als

  alles, was sie je zuvor gespürt hatte – die gesammelte

  Lebensenergie, die Seelen des Planeten, die in die Weiten des Kosmos

  zurückgeflossen waren. Diese Energie befand sich direkt unter ihr,

  gebündelt, als würde sie in einem einzigen pulsierenden Punkt des

  Universums zirkulieren. Das Zentrum des ?thers. Die Quelle, die ihre

  Macht n?hrte.

  Und in dieser Energie lag ihr Kind. Noch immer nicht vollst?ndig

  erwacht, doch ihre Verbindung zu ihm war wie ein unzerbrechlicher

  Draht, der alles miteinander verband: die Runen, die Energie, die

  Essenz des Universums selbst. Die Verbindung war tief und fest,

  tiefer, als sie es jemals h?tte ahnen k?nnen.

  Ihre Hand glitt über die Plattform, und mit einem flimmernden

  Licht begannen die Runen um sie herum zu leuchten – lebendig,

  reagierend. Jedes

  ihrer Worte, jeder Blick war ein Befehl an den ?ther, sich

  anzupassen, um ihr Kind in dieser universellen Ordnung zu halten. Sie betrachtete ihn, ihre Sch?pfung, die nun ohnm?chtig und

  vollkommen ihrem Schutz ausgeliefert war. Und tief darunter wusste

  sie: In seinen Augen lag eine Kraft, die noch nicht geb?ndigt war.

  Ein Siegel, gelegt am Tag seiner Erschaffung, eine Reserve, um seine

  Macht zu bewahren, bis er bereit war, sie zu tragen. Unsichtbar, unh?rbar aber spürbar für sie.

  In ihrem Inneren formten sich bereits die Gedanken an die

  kommenden Zyklen, an jede Prüfung, jede Lektion. Wie sie ihn führen

  würde, nicht nur in der Beherrschung seiner Kr?fte, sondern im

  Verst?ndnis der Verantwortung, die mit ihnen einherging. Wie sie ihm

  die Balance zwischen Macht und Gnade beibringen würde, ohne dass er

  je seine eigene Identit?t verlor. Jede Bewegung, jeder Gedanke, jede

  Berührung war ein Werkzeug, um ihn zu formen, um ihn auf die

  Prüfungen vorzubereiten, die das Gro?e Spiel für ihn bereit hielt.

  Und die neu gewonnen Kraft der Blutresonanz in ihrer Einzigartigkeit

  würde ihr dabei helfen das zu tun. Aelthyria war sich dessen sicher.

  Sie l?chelt zufrieden w?hrend die Verbindung zwischen ihr und dem

  Kind wie flüssiger ?ther rot schimmernd pulsierte. Und doch war sie

  etwas vollkommen anderes.

  Die Kammer war still geworden.

  Aelthyria senkte ihre Sch?fpung behutsam auf das gro?e Bett ihres

  Gemachs, das Licht der Runen reflektierte sich sanft an den W?nden

  und warf tanzende Schatten über das Zimmer. Jeder Herzschlag des

  Kindes war für sie spürbar, jede winzige Bewegung – ein sanftes

  Heben der Brust, das Zittern seiner Finger, der

  Atemzug – lie? die Kraft ihrer eigenen Lebensenergie kurz aufblitzen.

  Nun blieb nur noch das Letzte. Ein Name. Namen waren keine Etiketten. Sie waren Richtungen und Vektoren.

  Entscheidungen, die selbst die Zeit respektierte. Sie hatte viele

  Namen vergeben – an Welten, an Linien, an Katastrophen. Bei keinem

  davon hatte Sie gez?gert.

  Hier z?gerte sie. Nich taus Zweifel. Aus Sorgfalt.

  Du bist ein kleiner Stern, dachte sie und betrachtete den

  schwachen Schein auf seiner Haut. Nicht das Licht. Nicht die Hoffnung.

  Aber auch keine Leere.

  Der ?ther um ihn herum war anders verdichtet und gebunden. Als

  h?tte das Universum selbst beschlossen, einen Knoten zu schlagen,

  statt weiter zuflie?en. Kein Ursprung, kein Ende – ein Medium. Ein

  Tr?ger. Ein Kind, das Dinge halten konnte, an denen andere zerbrachen. Ihre Lippen verzogen sich zu einem L?cheln.

  ?Aethyrael," sprach sie schlie?lich.

  Der Name sank nicht in den Raum – er verankerte sich.

  Die Runen flammten kurz auf, dann beruhigten sie sich. Die Resonanz

  antwortete sofort, ein sanftes, unumst??liches Ja. ?ther. Tr?ger. Strahl. Tr?ger des ?thers. Weder Licht noch Dunkelheit.

  Ihre Hand ruhte nun fest auf seiner Brust. Sein Herzschlag passte

  sich an. Widerstandslos. Sie beugte sich leicht vor, spürte sein Herz, spürte seine

  Angst, seine Z?gerlichkeit, aber auch den Funken Trotz, der ihm

  geblieben war. Ein kleines, schelmisches L?cheln huschte über ihre

  Lippen. Dies war ihre gr??te Sch?pfung, ihr Fleisch, ihr Blut –

  und dennoch war es nicht ihr Besitz, sondern ein Wesen, das sie

  führen musste, dessen Macht sie leiten musste. Und doch verspürte

  sie einen Stolz, der tief in ihr brannte, so stark wie die Kraft

  eines Sterns: Sie hatte etwas geschaffen, das selbst die

  Gesetze des ?thers herausfordern konnte. Kein Werkzeug, kein Erbe oder

  Ersatz. Es war eine Konstante. Und das Universum hasste nichts mehr

  als Konstanten, die sich nicht beugen.

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