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Kapitel 1: Jeder Wunsch hat seinen Preis

  Der Raum im ?ther spannte sich wie ein dicht gewebtes Netz aus Licht und Schatten, lebendig und pulsierend. Kein Boden, keine W?nde – nur Strukturen, die auf jede Bewegung reagierten. Jeder Atemzug, jede Regung der Hexen, jeder Hauch von Magie wurde registriert und gewogen.

  Aelthyria stand in der Mitte. Azurblau glühende Runen pulsierend an H?nden, Schl?fen und Schienbeinen. Die Ruhe war für sie lediglich ein Ma? der Gelassenheit. Geduld war eine Tugend der Notwendigkeit. Die niederen Zweitgeborenen wussten nicht, wer sie wirklich war. Sie hielten sie für eine m?chtige, erfahrene Hexe, eine Figur des Spiels – aber nicht für einen der Sieben Ursprünge. Für sie war sie nur Aelthyria, vielleicht jemand, der schon lange im gro?en Spiel stand.

  Pyraxis, die lastige D?monenflamme, trat als erste vor. Hoch gewachsen, geschmeidig, Haut wie geschmolzenes Metall, Augen wie flüssige Kohlen. ?Ich wünsche mir Macht über die Feuer der Welten und über die Sterblichen, die sie betreten", sagte sie stolz.

  Ishkara, D?monin der Exzesse, verschr?nkte die Arme, ihre Lippen zu einem sp?ttischen L?cheln geformt. ?Und ich wünsche Einfluss überalle Pakte, die niemand brechen kann, und dass mein Wille ungebrochen bleibt."

  Weitere der dreizehn Hexen traten nacheinander vor, jeder Wunsch ein Spiegel ihrer eigenen Eitelkeit: Macht, Kontrolle, Einfluss. Jede glaubte, ihr Wort sei entscheidend.

  Aelthyria h?rte zu. Jede Bewegung, jedes Wort floss in ihre Wahrnehmung ein. Sie wusste, dass ihr eigener Wunsch anders war. Kein Hexenhandwerk konnte ihr diesen Wunsch erfüllen – den einzigen Wunsch, den sie noch haben konnte: ein Kind.

  Sie trat vor, ihre Stimme klar, ruhig, unüberh?rbar im ?ther:

  ?Ich wünsche mir ein Kind."

  Stille.

  Pyraxis' Augen blitzten auf. Die Hitze ihres Hochmutes flackerte, als wolle sie Feuer entzünden. ?Ein Kind? Du... wagst es, das zu verlangen? Eine Hexe wie wir alle – und dann so unverfroren?"

  Ishkara lehnte sich vor, sp?ttisch, leise lachend: ?Du meinst, du k?nntest dir etwas erlauben, das niemand sonst darf?"

  Eine Aura meldete sich aus den Schatten. Nur Aelthyria konnte sie wahrnehmen – ein anderer der sieben Ursprünge, der ironisch flüsterte:?Der Schatten wird entzückt sein."

  Der Raum erstarrte. Nicht durch Widerstand. Sondern durch Z?gern.

  Zum ersten Mal seit ?onen spannte sich der ?ther nicht vor Erwartung – sondern vor Unsicherheit. Keine Ablehnung. Keine Zustimmung. Etwas... fehlte. Als w?re ein Teil der Ordnung nicht vorgesehen gewesen.

  Ein Gedanke glitt durch das Geflecht der Wahrnehmung.

  Unvollst?ndig.

  übersehen.

  Aelthyria spürte es. Und l?chelte innerlich.

  ?Ich kenne den Preis", sagte sie ruhig, noch bevor der ?ther antworten konnte.

  ?Und ich biete ihn an."

  Der Raum richtete sich auf sie aus.

  ?Ein Stern", fuhr sie fort.

  ?Einen, den ihr bereits kennt."

  ?Seine Materie. Seine Ordnung."

  ?Und jede Seele, die auf ihm wandelt – als Tribut für das Gleichgewicht."

  Schweigen in der Dunkelheit. Der ?ther überlegte.

  Nicht aus Zweifel an der Zahlung.

  Sondern, weil ihm etwas entglitten war:

  Dass dieser Wunsch... nie vorgesehen war.

  Dass er nie h?tte gew?hrt werden sollen.

  Doch das Angebot war korrekt. Formal sowie unangreifbar. Und vor allem: notwendig. Die Entscheidung fiel nicht mit Macht. Sondern mit Akzeptanz. Der ?ther selbst erhob seine Stimme, tief, arrogant, über alle Gedanken seiner Kinder hinweg:

  ?Ihr habt eure Wünsche ge?u?ert. Macht, Einfluss, Kontrolle –registriert.

  Die Sch?pferin w?hlt ihren Wunsch.

  Für ihn wird ein Tribut verlangt: eine Welt eurer Wahl, ihre Seelen dienen dem Gleichgewicht.

  Die Wahl liegt allein bei ihr, frei innerhalb der Ordnung.

  Wer heute f?llt, f?llt nicht aus Zufall.

  Es ist eine Ehre, eure Seelen diesem Gleichgewicht zu überlassen. Gehabt euch wohl."

  Die Hexen schluckten. Pyraxis funkelte, Ishkara nickte in widerwilliger Best?tigung des Urteils. Niemand wagte zu widersprechen. Niemand konnte den Preis wirklich begreifen.

  Aelthyria spürte mit absoluter Selbstzufriedenheit, wie der Tribut flie?en würde – der Stern, die Seelen, alles für die Ordnung. Sie allein verstand den wahren Umfang.

  ?Dann ist die Wahl getroffen", sagte sie leise, nur für sich selbst, und stellte sich vor, wie der Tribut kommen würde. Ihr Wunsch war erfüllt – ein Kind, das Einzige, was den Hexen nie erlaubt war.

  Sie wandte sich ab. Nicht zu Moonshire. Das Schlachtschiff wartete. Die Welt, die Seelen, ihr Geschenk – ihr Kind – lagen bereit.

  Ein Fuchs l?chel kurz, bevor er zuschl?gt.

  Alles lief nach Plan. Elendiel wartete. Mit einer fast beil?ufigen Handbewegung erschien ein azurblau schimmerndes Portal vor ihr. Im n?chsten Augenblick stand Aelthyria auf der Brücke ihres Schiffes ?Nyx Oblivion".

  Ihr Blick glitt über die Leere, und für einen Moment verloren sich Licht und Dunkelheit in ihren Augen, wie ein Gasnebel, der zwischen Sternen schwebt – ein Pulsieren, das aus der Sch?pfung selbst zu stammen schien. Sie hob die H?nde, spürte die Macht, die durch sie floss, die Runen an Armen und Schienbeinen zogen sich enger, und ihr ganzer K?rper wurde zu einer Resonanzkammer, die etwas rief, formte und einsog.

  Unter den Schwingen des Schlachtschiffs lag ein Objekt, still, beinahe atmend in der endlosen Weite des Kosmos. Ein Stern, einst Ursprung, nun begrenzt, versiegelt, bereit, auf die Kr?fte zu reagieren, die sie entfesseln würde. Ein leises Summen ging durch die Luft, kaum h?rbar, aber spürbar –wie die Resonanz eines Universums, das auf den Willen einer einzelnen Kreatur wartete. Aelthyria lie? ihren Blick kurz über die Hexen schweifen, die sie aus der Ferne beobachteten. Pyraxis, Ishkara, die anderen – sie waren überzeugt, sie k?nnten beurteilen, was geschah. Stolz, Eitelkeit, Neugier – alles war sichtbar, alles berechenbar. Sie l?chelte zufrieden.

  Sie glauben, sie h?tten Macht, dachte Aelthyria, und ein Hauch von Belustigung durchzog sie. Sie verstehen nicht, dass sie nur Werkzeuge sind. Jeder Gedanke, jeder Wunsch, jede Regung – nur Material für meine Entscheidungen.

  Sie hob die H?nde h?her, spürte, wie die Str?me des ?thers reagierten, wie das Schlachtschiff unter der Kraft vibrierte. Ihre Augen, die wie ein Gasnebel zwischen Licht und Dunkelheit schwebten, nahmen alles auf: das Pulsieren des Sterns, die Resonanz des Kosmos,die unausgesprochenen Preise.

  Alles nach Plan, dachte sie. Alles liegt genau dort, wo ich es haben will.

  Ein letztes Summen des ?thers legte sich über die Szene. Alles stand bereit. Alles war vorbereitet. Und Aelthyria fühlte, wie die Kraft, die sie entfesseln würde, langsam unter ihrer Kontrolle wuchs, bereit, den Stern zu berühren, den Tribut zu fordern, und ihr Geschenk – ihr Kind – zu sichern.

  Objekt 013 – Mephistos Tr?ne

  Die Tage nach dennen er den leblosen K?rper von 012 gesehen hatte waren nicht wirklich ein Bruch. Sie waren eine Fortsetzung. Eine Wiederholung dessen was sich am Ende immer als unausweichlich heraus gestellt hatte.

  Der Ablauf ?nderte sich nicht wirklich. Wenn überhaupt, wurde er pr?ziser. Seine Tage begannen immer gleich. Klinisch kalt kalkulierte Grausamkeit, seit er sich erinnern konnte. Zu erst kam das Licht, so grell das 013 laut aufschreien wollte. Danach folgte die übliche Injektion, die sich wie ein Fremdk?rper durch seinen Blutkreislauf k?mpfte. Er hatte sich daran gew?hnt, genauso wie an die Messung seiner Vitalfunktion die darauf hin folgte.

  Irgendwann, dachte 013. Werdet ihr bezahlen. Für alles.

  Dann Stille.

  Aus der Dunkelheit ert?nten schreie hinter W?nden, die nie dick genug waren. K?rper, die verschwanden und nicht ersetzt wurden. Nummern die kamen. Nummern die gingen. Und die wenigen die blieben, waren dazu verdammt Leben zu nehmen im Austausch für ihr eigenes.

  013 z?hlte nicht mehr mit.

  Manchmal glaubte er, ihr Gesicht im Glas der Beobachtungskammer zu sehen.

  Nicht so, wie sie zuletzt ausgesehen hatte – nicht verdreht, nicht leblos.

  Sondern so, wie sie war, wenn sie leise sprach, damit die Kameras es nicht h?rten.

  Zusammen, hatte sie gesagt. Egal was sie mit uns machen. Zusammen.

  Er erinnerte sich an ihre Hand. Wie sie dünn und warm in der Seinen lag. An das Versprechen, das keiner von beiden je ernsthaft geglaubt hatte – zusammen leben oder zusammen sterben.

  Sie hatte gel?chelt, als h?tte es gereicht. Jetzt war sie weg. Und er war noch da. Das war schlimmer. Es war vernichtend, denn es gab niemanden mehr mit dem 013 die Leere seiner Welt zwischen goldener K?fig und ewiger Kampf teilen konnte.

  A case of theft: this story is not rightfully on Amazon; if you spot it, report the violation.

  Ein Kampf für eine Welt die er nie abseits des Schlachtfeldes gesehen hatte. Ein ewiges aufopfern für Gestallten hinter Masken die abseits der anderen Nummern alles waren was 013 kannte. Eine kleine zerbrechliche Welt.

  Die n?chste Phase kam ohne Ankündigung.

  Kein Name. Keine Nummer.

  Nur mehr Substanzen. Mehr Hitze unter der Haut. Mehr Druck im Sch?del.

  Er fühlte etwas Fremdes in sich wachsen, etwas, das nicht fragte, ob es bleiben durfte.

  Er schrie nicht mehr. Nicht aus St?rke. Sondern aus Zorn und Hass.

  In den Pausen – wenn man das so nennen konnte – lag er auf dem Boden seiner Zelle und starrte an die Decke. Er stellte sich vor, wie 012 dort gelegen hatte. Ob sie auch versucht hatte, nicht zu denken. Ob sie gewusst hatte, dass sie die Letzte von ihnen sein würde, die noch menschlich starb.

  Manchmal fragte er sich, ob sie froh gewesen war, nicht weiter zu müssen.

  Dieser Gedanke machte ihn wütend. Nicht auf sie. Auf alles andere.

  Auf die Menschen mit Masken.

  Auf ihre Stimmen hinter Glas.

  Auf ihre Ordnung und Doktrin.

  Auf ihre Angst vor dem, was sie selbst erschaffen hatten. Auf ihre Arroganz, sich auf das bittere Versprechen von D?monen einzulassen um D?monen zu bek?mpfen.

  Und irgendwann, zwischen zwei Injektionen, begriff er:

  Er wollte nicht mehr überleben. Er wollte, dass es endet. Und wenn das nicht ging, dann würde 013 irgendwann den Menschen hinter Masken ein Ende setzen. Dessen war er sich sicher. So sicher wie Mephistos Tr?ne und die Seelen die sie nahm im Austausch gegen seine eigene.

  Der Tag kam ohne Vorwarnung.

  Sie führten ihn und die anderen hinaus. Nicht in Zellen. Nicht in Kammern. In einen offenen Raum. Ein Hangar. Oder etwas ?hnliches. Und dann sah er es. Am Himmel. Nein– vor dem Himmel.

  Ein Schatten, so gro?, dass er den Horizont verschluckte.

  Ein Gebilde aus Stein, Metall und etwas, das sich nicht einordnen lie?.

  Ein Schloss. Ein Schlachtschiff. Beides zugleich.

  Es bewegte sich lautlos. Majest?tisch. Als würde das Universum selbst zur Seite treten, um Platz zu machen. Einige der anderen fielen auf die Knie. Andere schrien. 013 standstill.

  Etwas in ihm zog sich zusammen – nicht aus Angst, sondern aus Erkenntnis. Das ist es also. Der letzte Kampf. Und er war einverstanden damit. Kampf war alles was er kannte. Kampf war das penetrante Licht am Morgen, die Injektion danach sowie das Untersuchen seiner Gehorsamkeit. Ein Uhrwerk das 013 brennen sehen wollte.

  Dann er klang die Stimme. Nicht aus Lautsprechern. Nicht aus der Luft.

  In ihren K?pfen. Klar. Kalt. überlegen.

  "H?ret mein Worte ihr niederen Wesen und erfreut euch Ihrer. Ihr habt die Ordnung beschmutzt."

  "Ihr wurdet gewarnt und habt euch dennoch erhoben."

  Bilder flackerten auf. St?dte. Welten. Feuer. Nicht als Drohung. Als Feststellung.

  "Durch die gn?dige Macht der Sch?pfung Anankes wird euch heute Erl?sung gew?hrt."

  "Ehre. Rückkehr. Aufl?sung."

  Ein Hauch von Spott lag in jeder Silbe.

  "Es ist ein Privileg, durch uns zu fallen."

  "Es ist eine Ehre, wenn eure Seelen zu ihr zurückkehren."

  Ein kurzes Innehalten. Fast wie ein L?cheln.

  "Geht nun. Und beschmutzt die Ordnung nie wieder."

  013 schloss die Augen. Nicht aus Angst. Sondern weil es nichts mehr gab, wofür es sich lohnte, sie offen zu halten.

  In der Dunkelheit sah er noch einmal das anmutig wirkende Gesicht von 012.

  Nicht blass. Nicht tot. Sondern lebendig. Und dann begann sich alles aufzul?sen.

  Raum.

  Zeit.

  Er selbst.

  Er dachte, das sei das Ende. Er konnte nicht wissen, dass es nur der Moment war, in dem er sich in der Leere verlor – und etwas Gr??eres begann, ihn zu finden.

  Der Planet starb nicht mit einem Knall. Er zerfiel.

  013 bemerkte es zuerst nicht einmal. Er hatte die Augen geschlossen,als h?tte er beschlossen, der Welt den letzten Blick zu verweigern. Doch etwas ?nderte sich – nicht im Ger?usch, nicht im Druck, sondern im Gefühl von Gewicht. Als würde etwas, das ihn immer gehalten hatte, loslassen.

  Er ?ffnete die Augen. Die Welt, die er kannte – die Gitter, die Mauern, der Himmel über den H?fen, in denen sie trainiert hatten – war noch da. Für einen Atemzug. Vielleicht zwei. Dann begann sie zu rei?en. Nicht zu explodieren. Zu entkoppeln.

  Der Boden unter seinen Fü?en wurde durchscheinend, als bestünde er aus Erinnerung statt aus Materie. Die Geb?ude verloren ihre Kanten, ihre Schwere, ihre Bedeutung. Alles, was ihn je umgeben hatte, wurde dünn. Fragil. Wie ein Bild, das zu lange dem Licht ausgesetzt war.

  Und dann sah er sie. Seelen.

  Zuerst dachte er, es seien Staubpartikel. Dann erkannte er Gesichter. Fragmente. Gefühle. Sie l?sten sich aus allem: aus den St?dten, aus den K?rpern, aus den Ruinen, die noch nicht einmal Ruinen geworden waren. Milliarden von ihnen. Still. Ohne Schreie. Ohne Widerstand.

  Sie bewegten sich wie ein Strom. Nicht gezogen. Nicht gesto?en. Gerufen.

  013 stand mitten darin.

  Die Seelen glitten an ihm vorbei, durch ihn hindurch, als w?re er kein Hindernis, sondern ein Teil des Weges. Und mit jeder, die ihn streifte, geschah etwas. Er verlor etwas. Keinen Schmerz. Keine Erinnerung im klassischen Sinn. Etwas Tieferes.

  Ein Teil seiner Schwere.

  Ein Teil seiner Bindung.

  Ein Teil dessen,was ihn noch an diese Existenz kettete.

  Wie ein Preis. Wie eine Fahrkarte, die Stück für Stück bezahlt wurde. Er verstand es nicht – aber er fühlte es.

  Mit jeder Seele, die vorüberzog, wurde er leichter. Und leerer. Und zugleich... weiter.

  Er sah 012. Nicht als K?rper. Als Abdruck.

  Ein warmer Nachhall im Strom, ein kurzer Widerstand gegen die Bewegung, als würde ein Teil von ihr z?gern. Für einen winzigen Moment berührte sie ihn – und etwas in ihm zog sich schmerzhaft zusammen.

  Dann war sie fort. Weiter getragen. Er wollte ihr folgen. Nicht,um sie zu retten. Nur, um nicht allein zu bleiben. Doch der Strom wich ihm aus. Nicht feindselig. Respektvoll. Als w?re er nicht für diesen Weg bestimmt.

  Vor ihm spannte sich etwas auf. Ein Horizont.

  Kein Rand.

  Keine Linie.

  Keine Grenze.

  Nur Weite. Ein endloses Davor, das alles verschluckte, was es berührte, ohne es zu zerst?ren. Die Seelen flossen darauf zu, verschwanden darin, l?sten sich auf – und doch fühlte es sich nicht nach Vernichtung an. Eher nach Rückkehr.

  013 beobachtete.

  Er griff nicht ein. Er schrie nicht. Er bettelte nicht. Er sah.

  Und w?hrend Milliarden an ihm vorüberzogen, begriff er etwas, das er nicht h?tte begreifen k?nnen:

  Dass er nicht Teil des Stroms war.

  Dass er nicht zurückkehrte.

  Dass er blieb.

  Nicht, weil er es wollte. Sondern weil etwas ihn hielt. Etwas sah ihn.

  Und dann begann die Leere. Nicht pl?tzlich. Nicht brutal. Sie legte sich um ihn wie Wasser um einen K?rper, der aufgeh?rt hatte zu k?mpfen. Raum verlor Bedeutung. Zeit l?ste sich auf. Selbst das Gefühl, zu stehen oder zu fallen, verschwand.

  Er dachte, er l?se sich auf. Und vielleicht tat er das auch. Alles brach zusammen. Erinnerungen. Ger?usche. Raum. Verschluckt. Und doch fühlte er etwas. Eine Verbindung. Nicht zu einem Ort.

  Nicht zu einer Person. Zu etwas, das jenseits von Raum, Zeit und Materie existierte.

  Ein Puls. Ein Echo. Eine Kraft, die nicht fragte, ob er bereit war.

  Runen brannten auf seiner Haut. Nicht sichtbar – spürbar.

  In seinen Augen regte sich etwas, das kein Licht war und doch leuchtete.

  Er war nicht mehr nur ein Kind der Zivilisation. Nicht mehr nur ein Waisenkind.

  Nicht mehr nur 013. Etwas Gr??eres lebte in ihm. Und es würde ihn fordern. Zwingen. Manchmal qu?len. Aber niemals brechen. Ein letztes Gefühl, bevor alles verschwand:

  Eine Pr?senz. Anmutig. Unermesslich.

  Azurblaue Augen, die ihn betrachteten – nicht wie ein Werkzeug, nicht wie ein Soldat.

  Sondern wie ein Wunsch.

  Eine Stimme, sanft und bestimmend zugleich, wie ein L?cheln am Rand des Abgrunds: ?Du bist mein Wunsch. Du bist mein Echo. Und doch wirst du dein eigener Wirbelsturm sein."

  Ein Nebel aus Licht und Macht schloss sich um sie beide. Es kam nicht sofort die Dunkelheit. Zuerst kam das Z?gern. 013 hing irgendwo zwischen dem, was gewesen war, und dem, was ihn rief. Nicht schwebend, nicht fallend – eher gehalten von etwas, das weder H?nde noch Absicht hatte.

  Er versuchte zu atmen. Er wusste nicht mehr, ob er es tat. Es gab keinen K?rper, den er spüren konnte. Kein Gewicht in den Gliedern. Kein Schmerz. Nicht einmal die Leere, die man erwartet h?tte.

  Nur...Bewusstsein. Oder das, was davon übrig war. Er dachte an 012. Ihr Gesicht erschien sofort – zu klar. Zu scharf. Das war falsch.

  Er hatte ihr Gesicht so oft gesehen, dass es sich h?tte abnutzen oder verblassen müssen. Aber hier war es unberührt. Wie ein Bild, das nie gealtert war. Er wollte ihren Namen sagen. Der Laut kam nicht. Er wusste, dass sie 012 war – doch selbst diese Zahl begann zu flackern. Nicht verschwimmen. Sich aufl?sen, als h?tte sie nie mehr bedeutet als eine Markierung, die man abwischen konnte.

  Warum ist sie wichtig? Die Frage entstand... und starb, bevor sie beantwortet werden konnte. Er erinnerte sich an Gitter. An Licht. An Stimmen hinter Masken. Sie kamen in Bruchstücken, unverbunden, wie Scherben eines Spiegels, der nie ganz war. Er sah H?nde, die nicht zu K?rpern geh?rten. Korridore ohne Anfang oder Ende. Schreie, die er nicht mehr als seine eigenen erkannte.

  Und dann geschah etwas Schlimmeres. Er verga? den Zusammenhang. Nicht, dass etwas geschehen war – sondern warum.

  Die Grausamkeit blieb, aber ohne Rahmen. Wie Schmerz ohne Wunde. Er wusste, dass er gelitten hatte. Er wusste nicht mehr, wofür.

  ?Ich bin...", wollte er denken.

  Der Satz blieb unvollst?ndig. Nicht, weil ihm die Worte fehlten.

  Sondern weil der Gedanke selbst zerfiel, bevor er abgeschlossen war.

  Ich bin...

  Ich war...

  Ich—

  Zeitverlor jede Bedeutung. Er konnte nicht sagen, ob er Sekunden oder Ewigkeiten hier verbrachte. Das Konzept selbst wurde fremd. Vergangenheit und Zukunft l?sten sich voneinander, dann waren sie weg.

  Er suchte nach sich. Nach einem Kern. Nach etwas Unverlierbarem. Er fand nur Splitter. Ein Versprechen. Zusammen leben oder zusammen sterben. Die Worte existierten – aber ohne Stimmen, ohne Gesichter. Nur Bedeutung, die ins Leere zeigte.

  Zorn. Ja, da war Zorn gewesen. Er fühlte ihn noch, wie ein Echo in einem Raum, der l?ngst eingestürzt war. Aber er wusste nicht mehr, worauf er sich richtete. Menschen? G?tter? Die Welt?Oder auf sich selbst? Und dann begann sogar das zu schwinden.

  Der Zorn wurde stumpf.

  Die Sehnsucht leiser.

  Die Trauer... angenehm fern. Keine Tr?ne und kein Bedauern.

  Es war grausam. Nicht, weil es wehtat – sondern weil es nichts mehr gab, das wehtun konnte.

  Er merkte, wie er verga?, wo er gewesen war.

  Der Planet – sein Name fehlte.

  Die Zivilisation – nur ein Gefühl von Enge.

  Die Sterne – ein abstraktes Konzept ohne Bild.

  Und schlie?lich kam die schlimmste Erkenntnis.

  Er wusste nicht mehr, wer vergessen wurde. Er wusste nur noch, dass er einmal jemand gewesen war, der h?tte trauern müssen.

  Die Dunkelheit n?herte sich nicht. Sie wartete.

  Und zum ersten Mal... empfand er Erleichterung. Nicht als Flucht. Nicht als Kapitulation. Als Ruhe. Als das Ende eines Kampfes, den er nicht mehr benennen konnte.

  Wenn alles verschwand – dann auch die Einsamkeit. Dann auch die Leere. Dann auch das Gefühl, etwas verloren zu haben. Er lie? los. Nicht aus Angst. Nicht aus Hoffnung. Sondern weil es nichts mehr gab, das ihn hielt.

  Er hatte geglaubt, der Tod würde kommen wie eine Erl?sung. Still. Endgültig. Verdient.

  Doch stattdessen blieb er. Gebunden an eine Welt, die er nie hatte leben dürfen und die nun erwartete, dass er für sie starb. Immer wieder.

  Eine Waffe, geschaffen aus Angst, gehalten an einer kurzen Leine, gezwungen, das Leben anderer zu beenden, w?hrend sein eigenes sich weigerte, zu verl?schen.

  Vielleicht war das seine Strafe. Nicht für das, was man ihm angetan hatte – sondern für die Seelen, die Mephistos Tr?ne genommen hatte. Mehr, als er je h?tte z?hlen k?nnen. Er begrü?te den Tod. Und doch war seine Reise noch nicht zu Ende. Bedauerlich.

  Die letzten Splitter seiner Erinnerung l?sten sich wie Staub:

  Ein M?dchen.

  Eine Zahl.

  Ein Blick.

  Ein Versprechen.

  Dann auch die Zahlen. Dann auch die Bilder. Dann auch der Gedanke, dass er gedacht hatte. Und als selbst das Gefühl, zu sein, zu verblassen begann, legte sich die Dunkelheit endlich um ihn. Sanft. Nicht kalt. Nicht warm. Und irgendwo tief darunter – jenseits von Namen, Zeit und Identit?t – glühte etwas weiter unberührt und wartend. Dann senkte sich Dunkelheit über Geist und Raum zugleich.

  Aelthyria trat n?her. Sie betrachtete ihr Werk. Du bist mein Wunsch, dachte sie. Und mein Preis. Es gibt kein Zurück. Kein Bedauern folgte. Der Wunsch war gew?hrt. Der Preis war gezahlt. Und das Universum war um einen Stern leichter geworden.

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