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Kapitel 18: Schmerz ist nur eine Währung

  Schweigend sa? er da. Nach dem pl?tzlichen Ende seiner Tr?ume war ihm zuerst nicht ganz klar gewesen, wo genau er sich befand. Doch die allgemeine Verwirrung hielt nicht lange an. Aelthyria hatte es sich ihm gegenüber in einem tiefschwarzen Sessel bequem gemacht und las in aller Seelenruhe ein Buch. Scheinbar zu vertieft, um ihn sofort zu bemerken, aber das war ihm recht. Der Raum war in einen sü?lichen Duft eingehüllt, der eine beruhigende Wirkung hatte – und so auch das weiche Bett.

  Er lehnte sich zurück, schloss die Augen und lie? die Eindrücke des gestrigen Tages noch einmal durch die Untiefen seiner Gedanken flie?en.

  Das Knistern der umgeschlagenen Buchseite war das einzige Ger?usch, das die fast heilige Stille des Raumes durchschnitt. W?hrend er die Lider geschlossen hielt, formten sich die Fragmente von gestern vor seinem inneren Auge neu: das Klirren von Stahl, der bittere Geschmack von Leid und Gnade. Der brennende Schmerz im blutroten Nebel, eine Konsequenz, die er so nicht erwartet hatte. Und doch hatte ihm seine unbedachte Art und Weise zu handeln auch Erkenntnis eingebracht. Nun wusste er ein wenig mehr über sich selbst und ein wenig mehr über seine Sch?pferin Aelthyria.

  Ein selbstzufriedenes L?cheln legte sich auf seine Lippen. Er wusste, er würde es wieder tun. Doch der Moment musste mit Sorge gew?hlt werden. Nicht zuletzt, weil ihr Zorn nicht zu untersch?tzen war. Die kleine Kostprobe, die er am gestrigen Abend erleben durfte, war sehr wahrscheinlich nur ein kleiner Teil dessen, was m?glich war. Doch sei es drum. Schmerz war lediglich eine W?hrung, und er besa? genug Sturheit, um sich den n?chsten Einblick teuer zu erkaufen.

  Aelthyria schlug schweigend eine weitere Seite um.

  ?Du denkst“, sagte sie, ohne aufzusehen, ?dass Schmerz eine W?hrung ist.“

  Er ?ffnete sichtlich überrascht die Augen und sah sie fragend an. Wenn Schmerz kein Preis war, was war er dann? Nur ein weiterer Ausdruck gelebter Absurdit?ten im Angesicht der ach so tollen Ordnung? Aethyrael wusste, dass sie Teile seiner Gedanken lesen konnte, vielleicht auch alle. Doch auch hier war klar, dass kein Weg daran vorbeizuführen schien, sich dieser Tatsache vorerst unterzuordnen. Gedankenlesen hin oder her – nur einer von vielen Faktoren, die er noch nicht imstande war zu verstehen.

  ?Ist er nicht?“, fragte er schlie?lich.

  ?Doch“, antwortete sie ruhig. ?Aber nur für jene, die nichts Wertvolleres besitzen.“

  Das brachte ihn kurz aus dem Konzept. Wie immer unerwartet, doch vielleicht h?tte er genau das erwarten müssen.

  Er richtete sich langsam auf und sah gespannt zu Aelthyria. ?Und was besitze ich?“

  Ihr Kopf hob sich langsam, bis ihre Augen die seinen trafen. Ein durchdringender und wissender Blick. Nicht suchend – sondern best?tigend. Als würde sie nichts entdecken, sondern lediglich nachlesen, was sie l?ngst wusste.

  ?Perspektive“, sagte sie schlie?lich. ?Und die Neigung, sie falsch einzusetzen sowie gelegentlich zu übersch?tzen.“

  Stille.

  ?Doch sorge dich nicht, mein Stern“, fuhr sie mit einem L?cheln fort. ?Für dich ist Schmerz keine W?hrung, er ist ein Teil des Weges, den du und ich genie?en werden.“

  Dann schloss sie das Buch. Das Ger?usch hallte im Raum nach – nicht laut, aber endgültig. Noch bevor Aethyraels Gedanken seine Lippen verlassen konnten, hatte sie sich mit ihrer gewohnten Eleganz aus dem tiefschwarzen Sessel erhoben und stand vor ihm. Er spürte, wie ihre azurblauen Augen ihn fixierten. Für einen Moment geschah nichts. Dann traf ihn ein sanfter Impuls. Etwas rief ihn. Zog ihn in ihre Richtung – nicht mit Gewalt, sondern mit Selbstverst?ndlichkeit. Er h?tte widerstehen k?nnen. Zumindest glaubte er das.

  ?Komm zu mir, mein Kind, und lass mich dich ansehen“, flüsterte sie in einem zuckersü?en Ton.

  Die Worte hallten st?rker in seinen Gedanken nach, als dass sie wirklich gesprochen worden w?ren. Ehe er begriff, was geschah, setzte sich sein K?rper in Bewegung. Und Aethyrael durfte aus n?chster N?he beobachten, wie er sich auf sie zubewegte – Stück für Stück – ohne auch nur den Hauch von Widerstand zu leisten. Wahrlich entt?uschend in seinen Augen. Doch dann stellte er sich eine ehrlichere Frage: Wogegen genau h?tte er sich eigentlich wehren wollen? War es gegen sie oder gegen die Tatsache, dass er es nicht einmal als Zwang empfand?

  Er schnalzte missmutig mit der Zunge. ?Das h?tte ich sicher auch allein geschafft.“

  Sie ignorierte seinen Protest wie immer gekonnt und berührte ihn mit einer flie?enden Handbewegung an seiner Wange. Beide Runen unter seinen Augen pulsierten in rhythmischer Best?tigung. Aelthyria studierte die Reaktion für einen Moment und nickte dann zufrieden. Sie lie? von ihm ab, der Impuls verebbte und verlor sich in den Schatten.

  ?Heute ist dein Glückstag, wie es scheint“, sagte sie mit einem Funkeln in den Augen. ?Deine Ungeduld wird nun endlich Früchte tragen.“

  Er musste zweimal blinzeln, um den Satz zu verarbeiten. Die Ereignisse überschlugen sich f?rmlich, nicht dass er etwas dagegen hatte. Einerseits war er froh darüber, doch andererseits hatten ihre Worte einen seltsamen Unterton. Ein Klopfen an der Tür riss ihn aus seinen Gedanken. Ein bekanntes Gesicht erschien und l?chelte ihn wissend an. Es war Vaelthrys.

  ?Na, Kleiner“, sagte sie, als sie einen Schritt n?her trat und sich vor ihm aufbaute. ?Heute ist wohl wirklich dein Glückstag, wie es scheint. Wie versprochen, keine Konstrukte mehr, sondern ein Drache nur für dich.“

  Scheinbar war ihm seine Verwirrung anzusehen, denn beide fingen an zu lachen.

  Wirklich fabelhaft, dachte er, w?hrend er ihr Lachen mit einem spitzen L?cheln erwiderte. Von nun an wird es sicher noch unterhaltsamer werden, sich Freir?ume zu erkaufen.

  ?Ich lasse ihn vorerst in deiner Obhut“, sagte Aelthyria. Dann richtete sich ihr Blick nochmals auf Aethyrael. ?Und du, mein Stern, wirst heute in deiner Umlaufbahn bleiben.“

  Sie streichelte ihm ein letztes Mal durch sein Haar, dann war sie fort. Zurück blieb nur er selbst und Vaelthrys, die bereits l?ssig am Türrahmen lehnte und ihn musterte. Ihre Ausstrahlung hatte nach wie vor etwas Animalisches. Ein Druck, der sich langsam und best?ndig auf seine Sinne zu legen schien.

  Aethyrael ging neben ihr her. Nicht hinter ihr und nicht geführt, sondern ganz entspannt neben ihr. Das allein ist schon interessant, dachte er. Die meisten würden mich entweder ziehen oder hinter sich herlaufen lassen.

  Die G?nge des Schlosses waren weit und hoch, aus dunklem Stein, der sich nicht tot anfühlte. Eher… aufmerksam. Als würde er registrieren, dass er hier war, ohne sich daran zu st?ren. Runen lagen in die W?nde eingelassen – nicht wie seine. Diese waren ruhig. Diszipliniert. Fast brav. Also so sehen Runen aus, die niemanden überraschen wollen.

  Er warf Vaelthrys einen Seitenblick zu. Sie bewegte sich mit einer Selbstverst?ndlichkeit, die nichts beweisen musste. H?rner, Drachenaugen, die Schriftzeichen auf ihrer Wange – alles offen sichtbar. Kein Verstecken und kein Stolz notwendig. Nur Pr?senz. Nervig effektiv.

  ?Du gehst so, als h?ttest du das alles schon tausendmal gesehen“, sagte er.

  ?Habe ich“, antwortete sie ruhig.

  Natürlich. Warum auch nicht.

  ?Langweilig?“

  ?Nein. Gew?hnlich.“

  Das lie? ihn kurz innehalten. Gew?hnlich ist gef?hrlicher als langweilig.

  The author's narrative has been misappropriated; report any instances of this story on Amazon.

  Sie traten auf einen Balkon hinaus. Limbus lag unter ihnen – Farben, die sich nicht entscheiden wollten, Landschaften, die wirkten, als h?tten sie mehrere Realit?ten übereinandergelegt und dann einfach akzeptiert, dass es funktionierte. Er blieb stehen. Also das ist der Ort, an dem ich lernen soll, mich nicht selbst aus Versehen auszul?schen.

  ?Also…“, begann er und starrte in die Ferne, ?du bist ein Drache.“

  ?Unter anderem.“

  Er blinzelte. Natürlich. Warum sollte es einfach sein.

  ?Unter anderem.“

  ?Ja.“

  Er sah sie nun direkt an. ?Und du dienst meiner Mutter.“

  Vaelthrys korrigierte ihn sofort: ?Wir helfen einander.“ Feiner Unterschied. Bedeutet meistens alles.

  ?Freiwillig?“

  Ein kurzes Schweigen. Er merkte, wie seine Runen leise reagierten – nicht warnend, eher… neugierig.

  ?Du stellst gef?hrliche Fragen“, sagte sie schlie?lich, ?für jemanden, der gerade erst gelernt hat, dass er existiert.“

  Er grinste. Existenz ist überbewertet. Kontext ist spannender. ?Man muss Priorit?ten setzen.“

  Sie blieb stehen und drehte sich zu ihm. ?Aelthyria zwingt niemanden, der stark genug ist, zu bleiben“, sagte sie ruhig. ?Und wer bleibt, tut es, weil er wei?, was er ihr verdankt.“

  Interessant, dachte er. Weder Angst noch Ketten, sondern nur Konsequenzen.

  ?Und du?“, fragte er. ?Was verdankst du ihr?“

  Ein Hauch von etwas ging durch ihre Augen. Erinnerung vielleicht.

  ?Ordnung“, sagte sie. ?Und ein Ziel.“

  Das traf ihn unerwartet. Ja. Das kenne ich.

  Sie gingen weiter. Das Schloss wurde lebendiger. Konstrukte senkten die Blicke und Diener hielten Abstand. Wesen, die er nicht erkl?ren konnte, spürte er mehr, als dass er sie sah. Niemand fragt hier, wer herrscht. Sie wissen es.

  Er spürte ein leises Mitschwingen in seinen Runen. Zustimmung? Anerkennung?

  ?Du hast ebenfalls besondere Augen“, stellte er fest.

  ?Ja.“

  ?Meine Mutter auch.“

  Einen Herzschlag lang war da Stille. Vaelthrys sah ihn nun sch?rfer an. ?Nicht dieselben.“

  ?Ihre sehen weiter“, fuhr sie fort.

  ?Und meine?“

  Sie musterte ihn lange. Zu lange für eine einfache Antwort.

  ?Deine“, sagte sie schlie?lich langsam, ?sehen Dinge, die selbst Drachen meiden.“

  Sein Herzschlag zog leicht an. Das… gef?llt mir. Und das ist vermutlich ein Problem.

  ?Und du?“, fragte er. ?Woher kommst du wirklich?“

  ?Aus einer Zeit“, antwortete sie, ?in der Drachen glaubten, sie müssten die Welt bewachen.“

  ?Und jetzt wei? ich, dass die Welt das nicht mehr will.“

  Sie blieben vor einer massiven Tür stehen, überzogen mit Symbolen, die selbst seine Runen nicht sofort verstanden. Gut. Endlich etwas, das mich nicht sofort erkennt.

  ?Hier wirst du viel Zeit verbringen“, sagte Vaelthrys. ?Lernen. Lesen. Verstehen.“

  Er sah zu ihr auf. ?Und du?“

  ?Ich werde da sein.“ Kein Versprechen. Eine Tatsache. ?Solange du mich nicht absichtlich reizt“, fügte sie hinzu.

  Er grinste. Oh, das wird schwer. ?Keine Versprechen.“

  Ein leises Lachen entwich ihr. Und Aethyrael stellte fest, dass das Schloss sich weniger wie ein K?fig anfühlte… und mehr wie ein Ort, der bereits wusste, dass er nicht bleiben würde, wie er war.

  Vaelthrys ?ffnete die Tür. Dahinter lag kein Raum im klassischen Sinn, sondern ein Kontinuum aus Ebenen. Regale zogen sich in B?gen und Spiralen durch die H?he, aus dunklem Holz, Metall, Knochen, Stein – manche Materialien kannte er nicht. Manche existierten vermutlich nur hier. Zwischen ihnen schwebten Lichtfragmente, schmale Plattformen, Treppen, die dort begannen, wo andere endeten.

  Aethyrael blieb stehen. Nicht aus Ehrfurcht. Aus Irritation. Das ist… viel.

  ?Was ist das?“, fragte er schlie?lich.

  Vaelthrys sah ihn an. Kurz überrascht. Dann nickte sie langsam, als h?tte sie sich selbst korrigiert. ?Eine Bibliothek.“

  Er runzelte die Stirn. Das Wort blieb h?ngen. Biblio… was?

  ?Und das bedeutet?“

  Sie deutete mit einer knappen Bewegung auf die Regale. ?Gesammeltes Wissen. Gedanken. Beobachtungen. Erinnerungen. Irrtümer.“

  Er folgte ihrem Blick. überall lagen Objekte – gebundene Seiten, Rollen, Platten, Kristalle, schwebende Glyphen. Manche pulsierten leicht. Andere waren tot. Also…konservierte Gedanken.

  ?Warum“, fragte er langsam, ?sind sie nicht einfach… da?“ Er tippte sich gegen die Schl?fe. ?So wie anderes.“

  Vaelthrys hielt inne. Drehte sich ganz zu ihm. ?Weil nicht alles gewusst werden darf, sobald es existiert.“

  Das traf ihn unerwartet. Interessant, dachte er. Also gibt es Wissen mit Reifezeit.

  ?Und das hier“, fuhr sie fort, ?ist Wissen, das vorerst warten muss.“

  Er trat n?her an ein Regal heran. Streckte die Hand aus – stoppte jedoch kurz davor. Wenn ich das berühre… passiert etwas.

  ?Darf ich?“

  ?Noch nicht.“

  Natürlich noch nicht.

  ?Also“, sagte er und lie? die Hand sinken, ?ihr sammelt Gedanken, sperrt sie ein und hofft, dass sie sich benehmen.“

  ?Wir bewahren sie“, korrigierte sie ruhig. ?Damit sie nicht verloren gehen.“

  Er schnaubte leise. ?Oder damit sie niemandem gef?hrlich werden.“

  Ein kurzer, prüfender Blick von ihr. Treffer, also beides. Er ging langsam zwischen den Regalen hindurch. Spürte, wie seine Runen reagierten – nicht hungrig sondern wachsam. Als würden sie Muster erkennen, ohne sie zu benennen. Das hier ist kein Ort zum Lernen. Das ist ein Ort zum Entscheiden, was man lernen darf.

  ?Meine Mutter war hier“, stellte er fest.

  Vaelthrys nickte. ?Mehr als einmal.“

  ?Hat sie alles gelesen?“

  Ein L?cheln. ?Nein.“

  Gut. Wenn selbst sie nicht alles wei?, bleibt mir Hoffnung. Er blieb vor einem schmalen Regal stehen. Die Bücher dort waren versiegelt. Nicht aus Angst. Aus Respekt.

  ?Also…“, begann er und suchte nach den richtigen Worten, ?das hier ist kein Ort, um Antworten zu finden.“

  Vaelthrys wartete.

  ?Sondern um Fragen zu überleben.“

  Sie sah ihn lange an. Dann sagte sie leise: ?Das ist eine sehr gef?hrliche Erkenntnis.“

  Er sah weiter auf die versiegelten Bücher. ?Dann ist es wohl gut“, murmelte er, ?dass ich früh damit anfange.“

  Er drehte sich zu ihr um. ?Und eines Tages“, fuhr er fort, ruhig, nicht überheblich, und doch selbstbewusst, ?werde ich wissen wollen, warum manche Dinge hier bleiben müssen.“

  Aethyrael l?chelte schmal. Also ist Wissen nicht Macht. Wissen ist Richtung. Und zum ersten Mal verstand er: Wenn er lernen wollte, musste er nicht nur lesen. Er musste w?hlen. Er blieb unvermittelt stehen. Es war kein bestimmtes Regal. Kein markiertes Buch. Nur ein Punkt im Raum, an dem seine Runen pl?tzlich… stockten. Ihr Flackern wurde seichter, die Reaktion auf die Umgebung gem??igter. Als wollten sie ihn vor etwas warnen, wie ein leises Flüstern das nur er h?ren konnte: Stop. Er runzelte die Stirn. Das ist neu. Langsam, vorsichtig, streckte er die Hand aus. Die Bewegung war ruhig, kontrolliert. Seine Finger kamen dem Buch n?her. Und dann – ein Impuls, wie ein sanftes, aber kompromissloses Zurückweisen. Die Luft verdichtete sich einen Herzschlag lang, seine Hand stoppte abrupt, als h?tte der Raum selbst entschieden, dass sie dort nichts zu suchen hatte.

  Aethyrael zog die Hand zurück. Er blinzelte. ?…okay“, sagte er leise. ?Das war neu.“

  Vaelthrys hatte sich nicht bewegt. Aber ihre Aufmerksamkeit war nun vollst?ndig bei ihm.

  ?Was hast du gespürt?“, fragte sie.

  Er sah das Buch an. Auf den ersten Blick wirkte es unspektakul?r, alt und versiegelt. ?Nicht mich“, antwortete er nach kurzem überlegen. ?Etwas, das entschieden hat, dass ich noch nicht dazugeh?re.“ Er hob den Blick. ?Das war kein Schutz für mich.“

  Vaelthrys’ Augen verengten sich minimal. Hatte er das zu schnell erkannt?

  ?Nein“, sagte sie schlie?lich. ?Das war Schutz vor dir.“

  Das gefiel ihm… nicht. Und genau deshalb blieb er ruhig.

  ?Und trotzdem kann ich den Titel lesen“, stellte er fest.

  Sie erstarrte einen kaum wahrnehmbaren Moment zu lang. Er deutete auf die schmalen Zeichen auf dem Buchrücken. Nicht runisch oder modern. Nicht etwas, das er je bewusst gesehen hatte. Und doch wusste er, was dort stand.

  ?Es ist keine Sprache, die ich gelernt habe“, fuhr er fort. ?Aber ich erkenne sie.“ Er sah sie prüfend an. ?Warum?“

  Vaelthrys schwieg. Dann ging sie einen Schritt n?her, ihre Stimme nun leiser, bedacht. ?Weil du nicht bei null begonnen hast.“

  Aethyrael verzog leicht den Mund. ?Das habe ich vermutet.“

  ?Bei deiner Sch?pfung“, fuhr sie fort, und w?hlte jedes Wort mit Bedacht, ?ist mehr übertragen worden als nur Form… oder Potenzial.“

  ?Ein Teil des Wissens“, sagte sie schlie?lich, ?das sonst Zeit, Lehren und Wiederholung braucht… ist bereits in dir verankert.“ Seine Runen reagierten in stiller Anerkennung. ?Nicht als Erinnerung“, erg?nzte sie rasch. ?Eher als… Vertrautheit.“

  Er sah wieder auf die Bücher. Auf die Zeichen. Auf das, was er lesen konnte, ohne je gelernt zu haben. Also wei? ich Dinge, ohne zu wissen, woher.

  ?Und das“, sagte er langsam, ?ist vermutlich nicht zuf?llig passiert.“

  Vaelthrys’ Blick wich einen Herzschlag lang aus. ?Nein.“

  Er atmete aus. Weder ?rger noch Frustration. Aber eine stille Erkenntnis: Timing. Immer wieder Timing.

  ?Und diese Schrift“, fragte er weiter, nun fast beil?ufig, ?ist das auch etwas, das ich… geerbt habe?“

  Vaelthrys sah ihn lange an. ?Du hast Zugang zu mehr, als dir bewusst ist“, sagte sie schlie?lich. ?Aber nicht zu allem. Und das ist Absicht.“

  Er l?chelte schief. ?Natürlich.“

  Er wandte sich wieder dem Buch zu. Dieses Mal ohne die Hand auszustrecken. Also gut, dann eben noch nicht.

  ?Dann merke ich mir eines“, sagte er ruhig. ?Wenn etwas mich zurückst??t, ist es entweder gef?hrlich…“ Er sah sie an. ?…oder wichtig.“

  Vaelthrys erwiderte den Blick. ?Manchmal“, sagte sie leise, ?ist es beides.“

  Aethyrael nickte best?tigend. ?Dann bin ich gespannt, wie oft ich das noch h?ren werde.“

  Vaelthrys antwortete nicht sofort. Sie setzte sich wieder in Bewegung, und er folgte ihr durch die hohen Korridore des Schlosses. Der Stein unter seinen Fü?en war kühl, aber nicht leblos – eher wie etwas, das wusste, dass es existierte. Je weiter sie gingen, desto mehr ver?nderte sich die Atmosph?re. Weniger Hall und Klang. Mehr… Raum und Entfaltung.

  Das Schloss atmet, dachte er. Nicht metaphorisch. Jeder noch so verlassene Winkel Moonshires schien wahrhaftig ein Eigenleben zu haben.

  Ein leiser Luftzug strich durch die G?nge, obwohl keine Fenster offenstanden. Fackeln brannten ruhig und gleichm??ig, doch ihre Schatten bewegten sich, als würden sie auf etwas reagieren, das au?erhalb seines Blickfeldes lag. Die Decken w?lbten sich h?her, verloren sich in Dunkelheit, in der kein Staub tanzte. Alles wirkte gereinigt.

  ?Du stellst viele Fragen“, bemerkte Vaelthrys schlie?lich.

  ?Ich existiere seit Kurzem“, entgegnete er trocken. ?Das scheint mir angemessen.“

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