Jahre zuvor.
?Lest aufmerksam mit“, sagte Miss Silent und tippte mit der Kreide an die Tafel. Das Tock war klein – und doch klang es in dem kühlen Raum, als h?tte jemand gegen Glas geschlagen. ?Was ihr gleich h?rt, steht in jedem Lehrbuch. Trotzdem bleibt es ein Mythos.“
Das Klassenzimmer im oberen Stockwerk der Akademie wirkte am Morgen immer ein wenig … abseits. Nicht nur, weil die Luft hier oben spürbar k?lter war als unten in den breiten Fluren, sondern weil die Stille anders sa?. Sie hing nicht locker zwischen den B?nken – sie lag wie ein Tuch auf den Holztischen, den Tintenf?ssern, den aufgeschlagenen Heften, den halb getrockneten Klecksen von gestern.
Durch die hohen Fenster fiel blasses Morgenlicht hinein, milchig und schr?g. Es zeichnete helle Streifen auf die Tischplatten, lie? Staubk?rner für einen Atemzug aufblitzen und verschluckte sie gleich wieder, sobald sie aus dem Licht tanzten. Drau?en, irgendwo auf dem Hof, rief ein Vogel. Drinnen kratzten Federn über Papier. Ein Stuhl knarrte, als sich jemand vorsichtig umsetzte, als wolle er nicht auffallen.
Mittendrin sa? Krent, die Stirn in die Hand gestützt, die Feder zwischen den Fingern. Der kühle Holzrand drückte gegen seinen Unterarm, und die Tinte roch streng, fast metallisch. Seine Augen waren offen – aber sein Kopf fühlte sich an, als h?tte er ihn nicht ganz aus dem Bett mitgenommen.
Mythenstunde gleich früh am Morgen … perfekt, um wieder halb wegzud?sen …
Miss Silent war keine Lehrerin, die laut wurde. Sie musste es nicht. Sie stand vorne, ruhig wie ein Ma?stab, Kreide an den Fingerspitzen, und ihr Blick glitt durch die Bankreihen, als würde er nicht nur Gesichter z?hlen, sondern auch Gedanken. Manchmal blieb er einen Herzschlag zu lange auf jemandem liegen – nicht bedrohlich, nicht direkt. Eher so, als prüfe sie, ob derjenige wirklich da war.
?Titel“, sagte sie, und das Wort klang wie ein Befehl, den man nicht ablehnen konnte.
Die Kreide setzte an. Langsam, sauber, ohne Hast schrieb sie an die Tafel:
Der Heilige Gesandte der alten ?ra.
Das Kratzen der Kreide war gleichm??ig. Es schnitt durch das Federkratzen, bis die letzten Buchstaben standen. Als sie die Kreide absetzte, blieb feiner wei?er Staub an ihren Fingerspitzen.
Und unter diesem Kratzen begann sie zu sprechen.
?Vor ?onen, als die V?lker von Zoras am Rande der Ausl?schung standen und die G?tter bereits Jahrtausende zuvor gefallen waren …“
Ein paar Schüler h?rten sofort auf zu schreiben, als h?tten sie Angst, ein Ger?usch zu viel k?nnte die Worte zerbrechen. Andere schrieben weiter, mechanisch, die Federn schneller als die Gedanken. Krent zwang seine Hand, sich zu bewegen. Die Feder kratzte, und der Tintenfluss stockte kurz, bevor er wieder lief.
?Damals“, fuhr Miss Silent fort, ?lag Zoras zwischen zwei Katastrophen, die die Form von K?nigen trugen.“
Sie machte eine Pause – nicht lang, aber lang genug, dass man sie spürte. Die Ger?usche h?rten nicht auf. Die Stille wurde einfach dichter, als würde sie sich zusammenziehen.
?Im Norden herrschte der D?monenk?nig des Donners und der Stürme. Man erz?hlt, sein Zorn lie? Blitze wie unendliche Speere vom Himmel fallen. Gebirge schmolzen, St?dte wurden nicht erobert, sondern in einem einzigen Schlag aus Feuer und Donner ausgel?scht.“
Bei dem Wort ausgel?scht zuckte irgendwo eine Feder. Ein Tropfen Tinte fiel, rund und dunkel, und zog sich langsam in das Papier hinein. Krent schrieb weiter – doch vor seinem inneren Auge riss der Himmel auf. Er sah grelle Linien, die vom Firmament stürzten, als w?re der Himmel selbst eine Waffe. Er sah Stein weich werden, als h?tte man ihn in einen Ofen gelegt, und H?user, die nicht in sich zusammenfielen, sondern einfach … verschwanden.
Ein einziger Schlag und eine Stadt ist weg … selbst eine m?chtige Barriere h?lt so etwas nicht auf.
Miss Silent sprach weiter, ohne ihre Stimme zu heben. Gerade dadurch wurde es schlimmer. Eine laute Lehrerin h?tte das wie eine Geschichte erz?hlt. Miss Silent legte es hin wie einen Bericht.
?Im Süden“, sagte sie, ?breitete sich der D?monenk?nig der Schatten und der bodenlosen Finsternis aus. Sein Reich begann überall dort, wo das Licht z?gerte. N?chte ohne Sterne lagen über L?ndern, die einst hell gewesen waren. Schatten l?sten sich von ihren Besitzern und fra?en das Licht der Lampen. Wer zu lange in dieser Dunkelheit stand, verlor zuerst seine Farbe, dann seinen Schatten … und schlie?lich sich selbst.“
Ein leises Unbehagen ging durch den Raum. Kein Aufschrei, kein Flüstern – eher ein gemeinsames, kleines Verschieben: ein Stuhlbein scharrte, jemand r?usperte sich so leise, dass es fast wie ein Fehler klang. Mehrere K?pfe senkten sich – nicht auf die Hefte, sondern darunter.
Unter Krents Tisch lag sein Schatten. Ein dunkler Fleck auf dem Boden, verzerrt durch das schr?g einfallende Licht. Er wusste, dass es nur ein Schatten war. Und doch merkte er, wie seine Finger die Feder fester umklammerten, als h?tte sie pl?tzlich Gewicht.
Miss Silent lie? ihre Kreidehand sinken, als w?re das Thema selbst schwer. ?Die G?tter“, fuhr sie fort, ?waren zu diesem Zeitpunkt l?ngst gefallen. Ihre Tempel lagen in Trümmern, ihre Namen waren aus den meisten Gebeten verschwunden. Wunder gab es keine mehr – nur rohe Magie und verzweifelte Sterbliche.“
Sie machte eine kurze Pause.
In dieser Pause h?rte man alles: das leise Tropfen irgendwo – vielleicht nur ein Tintenfass, das jemand zu hastig bewegt hatte; das entfernte Ger?usch von Schritten im Flur; das sanfte Klacken, als jemand den Deckel eines Tintenfasses wieder aufsetzte. Und dazwischen, wie eine zweite Schicht über allem, das Gefühl, dass etwas im Raum zuh?rte.
?An jenem Tag, von dem wir sprechen“, sagte Miss Silent dann, ?standen die letzten Streitkr?fte der freien V?lker auf einem zerrissenen Schlachtfeld. über ihnen der vom Zorn des Donnerschlags peitschende Himmel. Um sie herum die kriechende Dunkelheit, z?h wie Rauch und schwer wie Stein.“
Krent h?rte auf zu schreiben. Seine Feder hing über dem Papier, die Spitze gerade so, dass sie die Seite nicht berührte. Das Bild, das sich in seinem Kopf formte, war zu gro?, zu nah. Der Himmel wie eine aufgeschlitzte Decke, aus der Sturm und Feuer sickerte. Der Boden uneben, aufgerissen, voller Spuren. Und Dunkelheit – nicht als Nacht, sondern als etwas, das sich bewegte, als h?tte es H?nde.
?Jeder Atemzug fiel schwer“, fuhr Miss Silent fort, ?jeder Herzschlag war begleitet von dem Gefühl, beobachtet zu werden – von Augen, die man nicht sehen konnte.“
Krent schluckte. Er merkte, dass er die Luft angehalten hatte, ohne zu wissen, wann. Um ihn herum machten mehrere Schüler dasselbe – kleine, hastige Atemzüge, als würden sie erst jetzt merken, dass sie wieder atmen durften.
Das klingt nicht wie eine normale Schlacht. Das ist eher das, was übrig bleibt, wenn eine Welt schon fast aufgegeben hat.
?Man erz?hlt“, sagte Miss Silent leiser, ?dass an diesem Tag selbst die Mutigsten der Mutigen den Blick senkten. Kommandeure rollten ihre Banner ein, weil sie niemanden mehr hatten, der ihnen folgen konnte. Heiler standen zwischen den Verwundeten und wussten, dass der n?chste Schlag alles fortfegen würde – Verwundete, Gesunde, Hoffnungen.“
Sie holte tief Luft. Dieses Einatmen war das lauteste Ger?usch im Raum. Und als h?tte es den Takt gesetzt, spürte man pl?tzlich, wie still die Klasse tats?chlich geworden war.
?Und dann“, sagte sie, ?kam er.“
Die Worte fielen nicht dramatisch. Sie fielen genau. Trotzdem ging ein Ruck durch Krents Aufmerksamkeit. Seine Müdigkeit fühlte sich auf einmal fehl am Platz an – als h?tte sie sich im falschen Raum verirrt.
?Man sagt“, fuhr Miss Silent fort, ?zuerst sei es nur ein einzelner Strahl Licht gewesen, der durch die dichten, schwarzen Wolken brach. Kein gew?hnliches Sonnenlicht – zu rein, zu scharf. Er bohrte sich durch Schichten aus Sturm und Schatten, als w?ren sie nur dünne Schleier.“
Krent stellte sich vor, wie das Schlachtfeld in ged?mpftem Grauschwarz lag – wie eine Welt, die vergessen hatte, wie Farbe aussieht. Und mitten hinein schnitt ein Lichtstrahl, so gerade, so sauber, dass er eher wie eine Klinge wirkte als wie Licht. Nicht warm. Nicht tr?stlich. Einfach … absolut.
?In diesem Licht zeichnete sich eine Silhouette ab“, sagte Miss Silent. ?Zuerst nur ein verschwommener Umriss, dann mit jedem Herzschlag klarer. Ein Mensch – oder etwas, das zumindest menschlich wirkte.“
Die Kreide klickte gegen die Tafel, als Miss Silent sie unbewusst drehte. Staub rieselte, kaum sichtbar.
?Als seine Fü?e den Boden berührten, so hei?t es, verstummte der Donner für einen Herzschlag. Blitze verharrten. Die Schatten zogen sich zurück, als würden sie die Luft anhalten.“
Ein Herzschlag Stille – nicht im Raum, sondern in Krent. Sein eigener Puls stie? gegen die Rippen, als h?tte er die Szene in sich übernommen. Mehrere Schüler wirkten, als h?tten sie gerade ebenfalls einen Schritt zurück gemacht, ohne sich bewegt zu haben.
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Ein Herzschlag der Welt … klingt kitschig. Aber wenn es auch nur halb stimmt, muss seine Ankunft etwas gewesen sein, das niemand je wieder vergessen konnte.
?Er kam in einem glei?enden Licht“, sagte Miss Silent, ?so hell, dass selbst die Finsternis des Schattenk?nigs zurückwich. Wo sein Schein den Boden berührte, wichen die Schatten zurück, als würden sie verbrennen.“
Krent sah es: Dunkelheit, die schrumpfte. Nicht wie Nebel, der sich verzieht, sondern wie etwas, das Schmerz kannte. Ein paar Schüler blickten wieder zu ihren Schatten, als müssten sie prüfen, ob sie noch da waren. Krent spürte einen kurzen Stich von Albernheit bei dem Gedanken – und gleichzeitig war da nichts, was wirklich lustig gewesen w?re.
?Man erz?hlt, dass allein seine Anwesenheit genügte, um die Furcht aus den Herzen jener zu vertreiben, die ihn sahen. H?nde, die zitterten, wurden ruhig. Rücken, die sich unter Lasten gebeugt hatten, richteten sich auf.“
Krents Finger kribbelten um die Feder, als h?tte die Beschreibung etwas in ihm geweckt, das noch nicht entscheiden konnte, ob es Hoffnung oder Nervosit?t war.
?In seinen Augen“, fuhr Miss Silent fort, ?soll sich eine prismatische Pentagramm-Iris befunden haben. Manche Berichte sprechen von fünf Strahlen, die alle Farben der Welt in sich trugen. Andere behaupten, es habe ausgesehen, als würden sich in seinen Augen ganze Welten brechen. Und wieder andere sagen, man habe beim Blick in seine Augen vergessen, dass man Angst überhaupt kannte.“
Sie drehte sich zur Tafel und skizzierte kurz ein Pentagramm – grob, absichtlich nicht perfekt. Die Kreide zog harte Linien. Für einen Moment stand dieses Zeichen dort, wei? auf schwarz, und Krent konnte nicht verhindern, dass sein Blick daran h?ngen blieb.
Nicht, weil er es nicht kannte.
Sondern weil es in dieser Geschichte pl?tzlich so wirkte, als h?tte das Symbol eine eigene Schwere.
?An seinem Rücken“, sagte Miss Silent, ?waren zehn Schwingen aus prismatischem Licht. Keine Federn, kein Fleisch – nur reines Leuchten. Jede dieser Schwingen brach das Licht anders. Einige Beschreibungen sprechen von flüssigem Glas, andere von gefrorenem Regenbogenfeuer.“
Beim Wort Regenbogenfeuer rieb irgendwo ein Schüler nerv?s mit der Fingerkuppe über das Holz, als wolle er prüfen, ob es wirklich da war. Krent h?rte das leise, kratzende Ger?usch – und es passte seltsam gut zu der Vorstellung von Licht, das nicht sanft ist, sondern schneidet.
?Wenn er die Schwingen ausbreitete“, fuhr Miss Silent fort, ?soll das Schlachtfeld für einen Moment ausgesehen haben, als sei es unter einer Kuppel aus Farben begraben.“
Krent stellte sich das vor: ein zerrissenes Feld, Sturm oben, Dunkelheit ringsum – und darüber Farben wie eine Decke, die nicht w?rmt, sondern schützt. Eine Kuppel, die den Himmel neu definiert.
?Er war in der Lage, alle Wunden zu heilen“, sagte Miss Silent. Ihre Stimme blieb ruhig, fast sachlich, was die Worte nur unwirklicher machte. ?Man erz?hlt von Kriegern, deren K?rper bereits kalt gewesen waren. Sein Licht soll sie berührt haben, und sie h?tten wieder geatmet, als w?re der Tod nur ein kurzer Traum gewesen.“
Ein paar Federn hielten an. Die Stille, die darauf folgte, war nicht leer. Sie war gespannt.
?Gliedma?en wuchsen nach, zerschmetterte Knochen setzten sich zusammen, und sogar jene, deren Geist bereits gebrochen war, seien in seiner N?he wieder klar geworden.“
Ein Schüler in der hinteren Reihe hob skeptisch eine Augenbraue. Keine gro?e Geste – aber sie fiel auf, wie ein dunkler Fleck auf einem wei?en Blatt. Miss Silent bemerkte es. Für einen Moment zuckte etwas wie ein knappes L?cheln über ihre Lippen.
?Es ist ein Mythos“, erkl?rte sie. ?Niemand erwartet von euch, jeden Satz w?rtlich zu glauben. Aber die übertreibung selbst sagt etwas über die Wirkung aus, die man diesem Wesen zuschreibt.“
Krent lie? die Feder langsam wieder auf das Papier sinken, ohne zu schreiben. In seinem Kopf ordnete sich der Gedanke, als würde er sich selbst auf eine Linie setzen.
Also weniger: ?Was genau ist passiert?‘ und mehr: ?Wie fühlte es sich an?‘
Miss Silent trat einen Schritt zur Seite. Die Kreide knirschte leise unter ihren Fingern, als sie sie fester griff.
?Damals“, fuhr sie fort, ?begann man ihn den Heiligen g?ttlichen Gesandten zu nennen. Ein Titel voller Widersprüche. Wie kann jemand g?ttlicher Gesandter sein, wenn die G?tter l?ngst gefallen sind? Wer sollte ihn gesandt haben? Oder war er niemandes Bote – und die Menschen brauchten einfach ein Wort, das gro? genug war für das, was sie sahen?“
Die Frage blieb einen Moment im Raum h?ngen. Nicht als R?tsel, das man l?sen musste, sondern als etwas, das man lieber nicht zu lange anstarrte. Wie eine Tür, die man nicht ?ffnet, weil dahinter vielleicht K?lte ist.
?An seiner Seite“, nahm Miss Silent den Faden wieder auf, ?sollen zehn Engel gek?mpft haben – so hei?t es in der bekanntesten Version. Wesen aus Licht, manche gepanzert in spiegelnder Helligkeit, andere mit Schleiern aus Sternenstaub.“
Krent h?rte, wie jemand leise die Luft einsog, als h?tte er sich an einem Wort verschluckt: Engel. Es war ein Begriff, der in Lehrbüchern stand, ja. Aber im Mund gesprochen klang er anders. Als würde er sich gegen die Z?hne drücken.
?Je nach Quelle variieren die Zahlen“, sagte Miss Silent und zuckte mit den Schultern, als w?re das die natürlichste Sache der Welt. ?Sieben, drei – oder gar keiner. In mancher überlieferung steht er ganz allein auf dem Feld.“
Sie lie? die Schultern wieder sinken.
?Mythen ver?ndern sich. Aber in einem Punkt sind sich nahezu alle einig: Er stellte sich den beiden D?monenk?nigen entgegen.“
Krent richtete sich unwillkürlich etwas auf. Seine Müdigkeit war weg. Oder sie war zumindest so weit nach hinten gerückt, dass er sie nicht mehr spürte.
Zwei D?monenk?nige. Einer, der Blitze wirft, als w?ren es Kieselsteine. Einer, der mit einem Gedanken das Licht erstickt. Und ein einziger … was auch immer er ist … stellt sich dazwischen.
Miss Silent hob eine Hand, als würde sie den Norden selbst markieren.
?Dem D?monenk?nig des Donners und der Stürme“, sagte sie, ?dessen Zorn den Himmel in Fetzen riss.“
Sie hob die andere Hand.
?Und dem D?monenk?nig der Schatten und der bodenlosen Finsternis, dessen Reich überall begann, wo Licht auch nur kurz z?gerte.“
Zwischen ihren H?nden entstand für Krent das Bild einer Welt, die von beiden Seiten zusammengedrückt wurde. Und in der Mitte: dieser Lichtstrahl, diese Silhouette.
?Man erz?hlt“, fuhr Miss Silent fort, ?dass Blitze auf ihn herabfuhren, nur um im prismatischen Licht seiner Schwingen zu zersplittern.“
Krent sah es: Speere aus Wei? und Blau, die in der Luft zerbrachen, als h?tten sie eine unsichtbare Wand getroffen. Er h?rte den Donner nicht als Ger?usch, sondern als Druck, der die Brust zusammendrückte.
?Jeder Donner, der seinen Namen verschlingen wollte“, sagte Miss Silent, ?hallte zurück, als h?tte er sich selbst verschluckt.“
Ein paar Schüler schrieben wieder – hektisch, als müssten sie die Worte festnageln, bevor sie entkamen. Krent schrieb nicht. Seine Hand war still, und trotzdem fühlte sie sich an, als würde sie vibrieren.
?Gleichzeitig kroch die Finsternis des Schattenk?nigs an ihn heran, suchte nach Rissen in seiner Aura. Doch wo sie ihn berührte, zerbrach sie in fahle Graut?ne und wurde dünn, durchscheinend.“
Krent merkte, wie sein Blick unbewusst wieder zu den Schatten unter den Tischen glitt. Es war absurd. Und doch: Als er seinen eigenen Schatten sah, war da für einen Moment das Gefühl, dass er nicht ganz ruhig lag. Als würde er sich einen Herzschlag zu sp?t bewegen, wenn Krent sich bewegte.
Er blinzelte.
Natürlich tat er das nicht. Natürlich.
Miss Silent lie? die H?nde sinken. Das Licht aus den Fenstern schien ein wenig k?lter – oder Krent bildete es sich ein. Ein Windsto? drau?en rüttelte irgendwo an einem Fensterrahmen, und das Glas vibrierte leise, als würde der Raum die Geschichte kurz nachklingen lassen.
?Ob er die D?monenk?nige wirklich besiegt hat oder sie nur zurückdr?ngte, wissen wir nicht“, sagte Miss Silent. ?Manche sagen, er habe ihre Macht gebrochen und sie in Ketten aus Licht an Orte gebunden, an die kein Sterblicher gelangen kann.“
Sie setzte die Kreide an, als wollte sie diese M?glichkeit an die Tafel schreiben – tat es aber nicht.
?Andere behaupten, er sei selbst gefallen, als Preis dafür, dass die V?lker noch einmal atmen durften.“
Bei gefallen wurde es im Raum wieder stiller. Nicht, weil es überraschend war, sondern weil es sich pl?tzlich … realer anfühlte. Ein Wesen, das so beschrieben wurde, sollte eigentlich nicht fallen. Gerade deshalb tat es weh, es zu h?ren.
?Wieder andere glauben“, fuhr Miss Silent fort, ?er habe den Kampf nur unterbrochen – eine Atempause in einem weit gr??eren Krieg.“
Krent tippte mit der Feder gegen das Heft. Ein kleines Ger?usch, das ihn selbst erschreckte, weil es in der Stille so deutlich war. Ein paar K?pfe drehten sich, dann wieder nach vorne.
Der erste Adamantit … und die meisten k?mpfen schon damit, überhaupt einen Fünf-Sternzacken oder – wenn sie Glück haben – irgendwann Silber oder sogar Gold zu erreichen.
Miss Silent wechselte den Ton. Nicht w?rmer. Sachlicher. Als würde sie einen Schritt zurücktreten, weg von dem Schlachtfeld, weg von den Schwingen aus Licht.
?Fest steht“, sagte sie, ?dass dieser Vorfall sich vor ungef?hr 15.000 Jahren abgespielt haben soll. Aus dieser Zeit stammen Fragmente von Berichten, Wandmalereien und Ritualtexten, die von einem Wesen sprechen, dessen St?rke alles übertraf, was man bis dahin kannte.“
Sie drehte sich zur Tafel und schrieb ein einzelnes Wort gro? – so gro?, dass es fast den Platz der Geschichte einnahm:
ADAMANTIT.
Die Kreide knirschte. Wei?er Staub rieselte ab und setzte sich auf dem Rand der Tafel ab. Krent starrte auf die Buchstaben, als k?nnten sie sich bewegen, wenn er lange genug hinsah.
?So nennen wir heute den h?chsten Rang, den ein Sterblicher erreichen kann“, erkl?rte Miss Silent. ?Wir k?nnen nicht mit Sicherheit sagen, ob der Gesandte ein Mensch war oder etwas anderes. Aber nach allem, was überliefert ist, war er der Erste, der die Grenze überschritt, die wir heute den Adamantit-Rang nennen.“
Die Buchstaben an der Tafel wirkten wie ein Siegel. Nicht nur ein Begriff. Ein Ma?stab. Etwas, das man über sich selbst h?ngt – selbst wenn man wei?, dass man es nie berührt.
Krent spürte, wie sich sein Magen leicht zusammenzog. Nicht aus Angst – eher aus dieser stillen Mischung aus Trotz und Ehrfurcht, die sich einstellt, wenn man etwas Unm?gliches sieht und ein Teil von einem trotzdem denkt: Und wenn doch?
Mythos oder nicht … irgendjemand war der Erste, der so stark wurde, an den wir alle nie herankommen werden.
Die Glocke, die das Ende der Stunde ankündigte, erklang dumpf durch die Korridore der Akademie. Kein heller Klang – eher ein tiefer Schlag, der durch Stein wanderte und in den Knochen kurz nachhallte.
Stühle schoben sich zurück. Holz scharrte über Holz. Tintenf?sser klackten, als Deckel aufgesetzt wurden. Papier raschelte. Manche Schüler begannen sofort zu reden, leise, als h?tten sie Angst, zu laut über etwas zu sprechen, das vielleicht noch im Raum stand.
?… zehn Schwingen, stell dir das vor …“
?… das mit den Schatten … ich schw?re, meiner sah eben …“
?… Mythos, klar, aber diese Wandmalereien …“
Krent blieb einen Moment sitzen. Er schaute nicht nach vorne, nicht auf Miss Silent, nicht auf die Tafel. Sein Blick glitt wieder zu seinem Schatten. Er lag da, wie er immer lag.
Miss Silent hob noch einmal die Hand. Das Gespr?ch verebbte nicht sofort – aber es brauchte nur diesen kleinen Impuls, und der Raum erinnerte sich an Ordnung.
?Vergesst nicht“, sagte sie, ?Mythen sind keine genauen Berichte. Aber ohne sie würden wir vieles nicht so sehen, wie wir es heute tun – unsere Rangsysteme, unsere Vorstellung davon, was ein Einzelner bewirken kann.“
Sie lie? den Blick durch die Klasse schweifen. Ihr L?cheln war knapp, fast nur eine Andeutung. Und doch lag darin etwas Endgültiges, als h?tte sie die Geschichte nicht nur erz?hlt, sondern bewusst dort abgestellt, wo sie hingeh?rt: in die K?pfe der Schüler – wo sie weiterarbeitet, auch wenn man das Heft zuklappt.
Krent schob seine Feder in den Zwischenraum seines Heftes. Die Tinte an der Spitze gl?nzte kurz im Licht. Dann verschwand sie.
Drau?en im Flur wurden die Schritte lauter. Stimmen, Türen, das Leben der Akademie, das sich wieder über den Moment legte. Aber das Gefühl, beobachtet zu werden – nicht von Augen, sondern von der M?glichkeit, dass solche Geschichten nicht ohne Grund überdauern – blieb wie ein feiner Film auf Krents Gedanken.
Unsere Geschichte beginnt im Zeitalter 1315 nach der Heldenk?nigin, 15.000 Jahre nach dem Mythos.

